Ein leerer Name stand nirgends. Nirgends war deklamiert, nirgends fand sich ein bequemer Gemeinplatz, nirgends wurde, nach der Art so vieler neudeutscher Gelehrten, feierlich die Wolke umarmt. Alles war Substanz, Wirklichkeit, Fleisch und Leben. Ein illusionsloser Menschenbetrachter redete hier. Ihm war Kunst nicht eine losgelöste, zu Häupten schwebende Erscheinung, zu der man emporgedrehten Auges aufschaut. Sie war Daseinsextrakt, Aufschrei, Trost und Nahrung. Jedes seiner Kapitel malte solid eine neue Phase der europäischen Gesellschaft. Man wußte, wie in jedem Jahrhundert in Paris, Siena oder Ulm die Menschen sich fortgebracht, wie sie geliebt, wie sie einander geehrt oder verfolgt hatten. Alles erschien so simpel, so selbstverständlich, man glaubte, schloß man das Buch, es nacherzählen zu können.
Auch als der Geheimrat Ludwig zum ersten Mal empfing, hatte er sich bei Allgemeinheiten nicht aufgehalten. ,, Was wollen Sie eigentlich auf der Universität, Prinz," hieß es nach den ersten drei Minuten. Wollen Sie sich die Zeit vertreiben oder wollen Sie etwas vor sich bringen? Wenn Sie das Zweite wollen, bin ich gern für Sie da. Wenn Sie sich mit dem Ersten begnügen, so rate ich eher zu Hockey oder zu Lachsfang in Schottland ."
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Das Ergebnis war, daß sich Ludwig schon sehr bald mit einer Aufgabe betraut sah. Er nahm sie ernst, sie erfüllte ihn ganz, sie machte ihn glücklich. Er schrieb an Steiger, der jetzt drüben an der obersten
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