nicht wohl erdenken. Mit seinem kantigen, länglichen Gesicht, darin steingraue Augen unter borstigen Brauen ihre kräftige Sprache führten, mit dem schmalen, hart wirkenden Körper, den langen federnden Beinen, mit seiner ganzen unbekümmerten, etwas schlampigen Eleganz, erinnerte dieser Fünfzigjährige weit eher an einen Reitergeneral als an einen Dozenten. Mit einem langen Stock zeigte er illustrierend auf der Projektionsfläche hinter seiner Estrade umher.
Was da augenblicklich zu sehen war, stellte einen Teil des Isenheimer Altars dar. Der Geheimrat sprach eigentlich nur halb zu den Hörern, halb sprach er zu der Christusfigur hinauf, die er erläuterte. Seine Aussprache, ohne ein Dialekt zu sein, war süddeutsch, alemannisch gefärbt. Im Saal war es still. Man befand sich im Auditorium Maximum, denn Rotteck war eine Berühmtheit, zwischen den Studenten sassen zahlreiche Damen aus der Stadt, die sich übrigens durch Kraßheiten in seinem Vortrag nicht selten chokiert fanden. Wahrscheinlich kamen sie eben deshalb umso lieber.
,, Sehen Sie sich mal diesen Christus an, meine Herrschaften," ließ sich der reitergeneralähnliche Geheimrat vernehmen und schlug mehrmals auf seine Leinwand, sodaß sie Falten warf. ,, Von den aristokratischen Jesustypen der frühen, der feudalen Gotik ist da nicht mehr viel übrig. Der Heiland hier ist vor allem ein Mann, ein gewaltiges Stück männliches Leben. Das ist einer, der Lasten geschleppt hat, einer
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