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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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Camburg seit zwölf Jahren nicht mehr, regierte". Dem Magistrat der Residenzstadt , der unter der Hand angefragt hatte, ob eine offizielle Begrüßung willkom­men sei, war durch das Hofmarschallamt abgewinkt worden. Die ,, Camburgische Landeszeitung" hatte einen wehmütig- innigen Aufsatz gebracht, in ihrem nicht politischen Teil. Fünfzig oder sechzig Depe­schen waren eingetroffen, hingegen auf Wunsch kein Verwandtenbesuch. Die beiden Prinzen hatten am frühen Morgen schon gratuliert, Ludwig mit ein paar gelispelten Worten und einem Kuß auf die väterliche Hand, der Erbprinz mit Kommandostimme und Hackenzusammenschlagen, genau in der Art, die sei­nen Vater unfehlbar nervös machte.

Die Entfremdung zwischen den beiden war neuer­dings schlimm gewachsen, besonders seitdem Prinz August sich der populär nationalistischen Richtung verschworen hatte, deren Gelärm und Gehetze dem leidenden Deutschland in den Ohren zu gellen be­gannen. Bei einem Neujahrsdiner vor nunmehr fast zwei Jahren hatte er den versammelten kleinen Hof damit überrascht, daß er seinen Toast auf den Vater mit einem kehlig hervorgestoßenen ,, Deutschland er­wache!" beschloß, worauf ihm der Herzog überhaupt nicht dankte und ihm unmittelbar nachher unter vier Augen nahelegte, derartiges Pöbel- Rülpsen, wie er sich ausdrückte, gefälligst für seinen engeren Freun­deskreis zu reservieren.

Jacques Wetzlar hatte vor einigen Tagen telegra­

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