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Der Reisepaß : Roman / Bruno Frank
Entstehung
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behielt er auch in den fünf oder sechs fremden Spra­chen bei, die er beherrschte. Sein Vermögen galt für bedeutend. Er lebte in einer weitläufigen Villa an der Miquelstraße in Frankfurt , als Witwer, ganz allein mit seinem Töchterchen. Seine Geschäftsräume am Roẞmarkt galten als eine der Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Er pflegte, vermutlich aus Scheu vor den Stufen der Eisenbahnwaggons, seine zahlreichen Berufsrei­sen im Auto zurückzulegen. Alle paar Monate sah Ludwig den großen grauen Tourenwagen im inneren Schloßhof halten. Immer hatte der Chauffeur, ein treuaussehender Mensch von Gardemaßen, nachdem er seinen Herrn die Treppen hinaufgeleitet, an dem Auto etwas zu scheuern und blankzureiben.

Mit den Jahren wandelte sich Wetzlars Schwach­sichtigkeit in fast völliges Blindsein. Die Netzhautab­lösung war weit vorgeschritten. Und als Ludwig zum ersten Mal von der Universität nachhause kam, hatte Wetzlar nicht mehr allein reisen können. Er hatte sein Töchterchen mitgebracht, ein Kind von vierzehn Jahren, das ihn führte und ihm bei Tisch die Geräte zurecht legte.

Ludwig kam aus besonderem Anlaß mitten im Semester von der Hochschule herüber. Heute vor 25 Jahren war Herzog Philipp zur Regierung gelangt.

Der Tag wurde still begangen. Mochte seiner nun in der Bevölkerung gedacht werden oder nicht- zu Festlichkeiten bestand wenig Anlaß, da ja das Haus

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