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Knüppel auf dem Wege zur Demokratie / von Josef Radermacher
Entstehung
Seite
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Professor befohlen, die Kopernikanische Lehre aufzugeben, und mindestens sie nicht weiter zu verbreiten.

Galilei fügte sich vorläufig diesem Gebot, schrieb aber ein weiteres Buch ,, Dialogo", in dem er noch viel eingehender und überzeugender die Lehre des Kopernikus begründete. Er wurde nach Rom vor die Inquisition befohlen, sein Buch ver­boten, und er selbst, 68 Jahre alt, zehn Jahre lang, bis zu seinem Tode im Jahre 1642, in Haft gehalten. Erst im Jahre 1835 durfte das Buch erscheinen.

Bis dahin also wußte die höchste Instanz der Kirche nicht oder wollte nicht wissen, welch ungeheure Ausmaße die Schöpfung Gottes hatte, wie winzig die Erde, wie winzig der. Mensch in dieser Schöpfung ist. Ist es angesichts dessen so schwer begreiflich, daß auch Menschen zweifeln an den direkten Beziehungen der Kirche zu Gott, dem Schöpfer der Welt? Kann man nicht zu der Frage veranlaßt werden, warum denn Gott die Vertreter der Kirche mehr als tausend Jahre lang in einem Irrtum ließ, der so ganz und gar außerhalb der Wirklichkeit liegt? Warum die Kirche verbot, das Wesen und die Gestaltung der Schöpfung zu ergründen?

Diese Fragen zu stellen, das ist ,, jene Geisteshaltung, die seit 200 Jahren tief in das Denken und Leben der abendländi­schen Völker eingedrungen ist"; wieso sie aber jedes Ver­antwortungsgefühl vor Gott und unseren Mitmenschen zu er­sticken droht", das mag wohl ein Geheimnis des Herrn Pfarrers sein. Es sind zahlreiche sittlich hochstehende und voll ver­antwortungsbewußte Menschen, die sich der Naturkunde ge­widmet, und die aus der Naturwissenschaft neue Schlüsse gezogen haben. Weder zu Gott noch zu ihren Mitmenschen Die Ehrfurcht vor ergibt sich daraus ein anderes Verhältnis.

Gott kann im Erkennen der Größe seiner Schöpfung nur steigen, und die Mitmenschen bleiben im Verhältnis zueinander das­selbe, ob sie insgesamt im Mittelpunkt der Schöpfung stehen oder nur einen kleinen Teil dieser Schöpfung darstellen. Ver­

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