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Knüppel auf dem Wege zur Demokratie / von Josef Radermacher
Entstehung
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Die

Fremdherrschaft" hatte den Menschen Rechte gegeben, von denen sie unter der Sorge ihrer Landesväter nicht einmal träumen durften. Der König wagte ja auch nicht, diese Rechte restlos zu beseitigen; wir behielten im Rheinland noch einiges davon bis zur Einführung des BGB. im Jahre 1900.

Und die wirtschaftliche Entwicklung stand nicht still; die wirtschaftlichen Beziehungen überbrückten die politischen Grenzen; der politisch so völlig rechtlose dritte Stand gelangte zu bedeutender wirtschaftlicher Macht, und diese wirtschaft­liche Macht des dritten Standes stempelte die ,, Stände" als Träger der politischen Vorrechte zur Karikatur. Und mit der wirtschaftlichen Macht wuchs auch das Selbstbewußtsein des dritten Standes, des Bürgertums. Mehr und mehr Bürger wurden es, die erkannten, daß sie es waren, die dem Staats­körper Blut und Leben gaben, daß sie es waren, von deren Leistungen Adel und Klerus zehrten, und kleinlauter wurden auch die Adeligen, die durch ihr ,, standesgemäßes Dasein" in Schulden bei den wirtschaftstüchtigen Bürgern gerieten. Die Vernünftigen aus den Ständen wandten sich bürgerlichen Be­rufen zu; das wurde zwar anfangs noch als Standesverrat und eines Edelmannes unwürdig bezeichnet, aber gleichzeitig er­regte die Lebenshaltung so manches Kaufmanns und Fabrik­herrn den Neid derer ,, von und zu". Es half ihnen vielfach noch die Ueberschätzung dieses ,, von" innerhalb der Bürger­schaft, aber auch um diese Hilfe zu erlangen, mußten sie ein Standesvorurteil aufgeben; sie heirateten Bürgerliche , schlossen. ,, Mesallianzen". So oder so, die Adeligen mischten sich unter das Volk, und es entstanden Geldfürsten, vor die auch der Landesherr keine Scheidewand mehr zu stellen wagte.

Eisenbahn und Telegraph, Handel und Verkehr brachten die Menschen einander näher, machten es möglich, Gedanken und Erfahrungen auszutauschen; die Menschen in Deutschland , die zu denken fähig waren, erkannten die Schmach ihrer politischen Rechtlosigkeit.

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