engen Landesgrenzen hinweg in Verbindung treten und ihre Gedanken über Recht und Unrecht austauschen; sie erfuhren noch nicht, daß nicht alle Menschen als Eigentum ihrer Landes- herren betrachtet und behandelt wurden. Die einzige Stelle, von der aus sie unterrichtet wurden, war die Kanzel in der Kirche, und hier wurde ihnen das Gottesgnadentum ihrer Despoten bestätigt; in vielen Ländern war ja der Erzbischof auch der weltliche Landesherr, der Klosterabt der weltliche Gebieter, der Klostervogt der von allen gefürchtete Mann.
Es lebten freilich zu allen Zeiten auch. Menschen, die nicht einverstanden waren mit dieser Karikatur von Recht und Ge- rechtigkeit, die sich auflehnten gegen die Meinung, dieses offenbare Unrecht sei von Gott gewollt, sei unabänderlich. Es kam auch gelegentlich zu offenem Widerstand gegen die Will- kür’der Herren; es kam zu Versuchen, das Joch der Sklaverei abzuschütteln. Nachdem Martin Luther auf geistlichem Gebiet der Macht der Kirche den Kampf angesagt hatte, da regte sich bald hier und bald da auch der Widerstand gegen die weltliche Obrigkeit. Aber dies führte noch immer dazu, die Ketten fester zu schmieden. Die Machthaber hatten die Gesetze auf ihrer Seite; die Gesetze, die sie selbst zu ihrem Schutze, zur
Sicherung ihres Eigentums und zur Aufrechterhaltung ihrer
Macht erlassen hatten. Diese Gesetze waren nicht Recht, aber sie galten als Recht. Das Volk war dazu erzogen, sie für Recht zu halten. Die Macht der Despoten war in Hirnen- und Herzen der Untertanen fest verankert; die Tradition hatte sanktioniert, was unrecht war und das Unrecht schützte. Wer eintrat für das Recht, der verletzte die Gesetze, lehnte sich auf gegen‘die Tradition. Es war den Herrschaften von Gottes Gnaden leicht gemacht, diejenigen zu vernichten, die Recht verlangten und sich für das Recht einsetzten. Wir können das heute wieder leichter verstehen, nachdem wir es noch einmal erlebt haben; nachdem wieder einmal ein Despot dem deut- schen Volke seinen Willen als Gesetz aufgezwungen hat. Auch
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