Autonomie. Jede Gruppenbildung, die ihn als Menschen einschließt, ist eine gewisse Art von Gefährdung. Eines wird unter allen Umstän- den zugegeben werden müssen: Man kann von Tieren keine Moralität verlangen, sie ist ganz Sache der Individualität: Vom Menschen muß sie.verlangt werden, und hier ist Ort und Grund des Verlangens.
Man sieht, auf welchen Wegen Kant wandelt, resp. welchen Weg er führt. Ist nicht auch einzusehen, wie sie zu bewerten sind?
Auf das erste Schema der beiden vorgestellten Erkenntnisweisen führt Kant zurück, wogegen das zweite das von ihm Ausgeschlossene ist. Nun ist zu durchschauen: auch hier geht es bei ihm nicht ohne Bruch ab. Das autonome Erkenntnisvermögen, das, in dem wir frei sind, wie es unsere Freiheit verbürgt, das, von dem unsere Mensch- lichkeit abhängt, was zugleich aber auch alle Menschen verbindet— ohne Dazwischentreten einer„Wissenschaft“ oder irgend eines an- dern—: und sein Gegenteil: Nirgends ist in dieser Anlage Mensch- lichkeit! Er faßt den Menschen auf der Tierstufe des Erkennens ab und breitet sie über das ganze Erkennen aus:„wodurch sollte das Er- kenntnisvermögen sonst in Tätigkeit gesetzt werden, geschähe es nicht durch Gegenstände, die unsere Sinne rühren und von selbst Vorstellungen erwecken?"— das ist die Kuh, die das Gras fraß. Nur weiß sie nicht, daß sie Vorstellungen hat, daß, wovon sie geleitet wird, um sich zu bewahren, Vorstellungen sind, denn sie kann nicht denken. Kant weiß es dem Scheine nach auch nicht, und hier betrügt er! Denn um zu wissen, diese Gegenstands-Bilder als Vorstellungen bestimmen zu können, muß er denken. Von Denken aber kann nicht gesagt werden, daß„von selbst‘ geschieht. Mit dem unterschlagenen Denken werden wir schon hier, an dieser Stelle, um unsere Mensch- lichkeit betrogen!
Erkennen, Erkenntnis kann nicht das mit der Tierstufe Gemein- same sein, genannt werden, erst recht nicht, was auf die Tierstufe zurückwirft, sondern nur das verdient diesen Namen, was uns heraus- hebt: Erkennen ist denkendes Bestimmen. Seitdem die Wissenschaft mit Kant die Wirklichkeit dieses Begriffs preisgegeben hat, steht, kämpft sie, im Namen dessen, was ihr aufgegeben ist, gegen Mensch- lichkeit und Menschenwürde!(Schiller hatte ein Bewußtsein von der Tatsache dieser neuen Epoche der Wissenschaft, als er sich„An die Künstler‘' wandte:„Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, bewahret sie‘).
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