Druckschrift 
Wir klagen an! : Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und das Sterben in deutschen Konzentrationslagern ; Moor, Dachau, Mauthausen, Neuengamme, "Cap Arcona" / von Julius Schätzle, Schutzhäflting Nr. 211
Entstehung
Seite
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Zur Aktion bereit

Über die militärische Lage waren wir nur schlecht unterrichtet. Die wildesten Gerüchte und Nachrichten überstürzten sich. Ein Deckoffizier der Schiffsbesatzung, mit dem wir seit dem ersten Tage Verbindung hatten, brachte uns den Bericht über den Tod Hitlers . Von ihm erfuhren wir auch, daß im Schiffsraum Sprengladungen angebracht waren und der Befehl vorlag, beim Nahen der Roten Armee das Schiff in die Luft zu sprengen.

Wie vordem auf der ,, Athen" scharten sich auch jetzt wieder die ent­schlossensten Antifaschisten zusammen, um ein solches Verbrechen zu verhindern. An unserer Seite stand der größte Teil der Schiffsbesatzung zum Widerstand bereit. Durch ihre Nachrichtenübermittlung waren wir über die Verhältnisse auf dem Schiff bestens informiert. Darüber hinaus wären sie aber auch bereit gewesen, aktiv mit uns um das Schiff gegen die-Führung zu kämpfen.

Dieser antifaschistischen Front stand eine kleine Gruppe von-An­gehörigen gegenüber, die zum letzten Verbrechen bereit waren, um ihr Leben noch einige Tage zu verlängern. Dazu kam ein Teil der schwan­kenden und unentschlossenen Bewachungstruppen. Viele dieser zwangs­weise in die Uniform gepreßten alten Männer gaben zu verstehen, daß sie die Waffen nicht gegen uns erheben würden.

Ein Aktionsausschuß von drei deutschen Genossen übernahm nun die weiteren notwendigen Maßnahmen zu unserer Befreiung. Als nächste Aufgaben wurden gestellt.

1. Alle deutschen politischen Häftlinge nehmen persönliche Verbin­dung mit Wachmannschaften auf, um ihnen ihre hoffnungslose Lage klar zu machen und ihnen als einzigen Ausweg zu zeigen, gemein­sam mit den Häftlingen gegen die Naziführer um das Schiff zu kämpfen.

2. Die heranrückenden alliierten Truppen über unsere Lage und Ab­sichten schnellstens zu unterrichten.

3. Von jeder Nation ein Aktionskomitee zu bilden, mit der Aufgabe, die Häftlinge ihrer Sprache zum Widerstand gegen die 4 vorzu­bereiten und zu führen.

Diese Arbeiten wurden sofort in Angriff genommen. Durch die Enge und Unübersichtlichkeit des Schiffes begünstigt, konnte die Verbindung mit den Wachmannschaften mit gutem Erfolg aufgenommen werden. Die 44- Führung verlor jeden Überblick, insbesondere nachdem sie sich aus Angst vor der Ansteckung durch Typhus nicht mehr in den Häftlings­räumen sehen ließ. Dadurch blieben ihr alle unsere Vorbereitungen ver­borgen.

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