Druckschrift 
Wir klagen an! : Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und das Sterben in deutschen Konzentrationslagern ; Moor, Dachau, Mauthausen, Neuengamme, "Cap Arcona" / von Julius Schätzle, Schutzhäflting Nr. 211
Entstehung
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bereitungen einer Revolte können zwar nicht festgestellt werden, doch ist mit Bestimmtheit anzunehmen, daß durch sie über die von ihnen be­setzten Lagerfunktionen, wie Arbeitseinsatz, Schreibstube, Capos, Block­personal und Revierpersonal ein zersetzender Einfluß ausgeübt wird. Eine allgemeine Lockerung der Disziplin, das Fernbleiben von der Ar­beitsstelle und die sich immer mehr häufenden Sabotageakte in der Rüstungsindustrie sind die Folgen. Ihr freundschaftliches Verhältnis den Ausländern gegenüber und der Zusammenhalt der politischen deutschen Häftlinge unter sich gibt zur Befürchtung Anlaß, daß die Ruhe und Ord­nung im Lager nicht mehr gewährleistet ist. Ich beantrage deshalb...

In der Antwort kam zwar nicht das gewünschte Urteil, aber doch der Befehl, diese Unverbesserlichen in Gruppen von acht Häftlingen in andere Lager zu verschicken. Das bedeutete für uns nicht nur ein Zerreißen alter Kameradschaften, sondern auch eine wesentliche Verschlechterung der Lebensbedingungen in neuen, unbekannten Lagern. Für viele war es der Tod.

Im Dachauer Lager bedeutete die Absetzung und Verschickung dieser etwa 100 Aktivisten einen spürbaren Kurswechsel. Alle die von ihnen innegehabten Funktionen wurden nun mit willfährigen Werkzeugen besetzt. Nach langjähriger Unterbrechung gab es zum erstenmal wieder Berufs­verbrecher als Blockälteste und Capos. Den Unterschied zwischen diesen und den politischen Überzeugungstätern mußte nun mancher ihnen Unter­stellte am eigenen Körper spüren.

Nach sechs Wochen Arrest kam ich mit meinen fünf anderen Kame­raden in die Strafkompagnie. Um unsere völlige Isolierung zu gewähr­leisten, wurde das rote Personal auf diesem Block einen Tag vorher durch Grüne ersetzt. Rings um den ganzen Block wurde ein zweiter Stachel­draht gezogen. Das half aber alles nichts, der Geist der internationalen Solidarität war stärker. Diesmal waren es vor allem Russen und Fran­ zosen , die uns unter großer Gefahr Lebensmittel, Zeitungen und andere notwendige Bedarfsgegenstände hereinschmuggelten. Ebenso zeigten die Geistlichen in jenen Tagen, daß sie uns auch in der Stunde der Not nicht vergessen hatten.

Nicht nur wir, die wir nun in der Strafkompagnie versammelt waren, sondern darüber hinaus auch solche Kameraden, die noch im Lager waren, wurden jetzt in kleine Gruppen verfrachtet und nach allen Richtungen verschickt. So kam auch ich mit anderen im Oktober 1944 nach Neuen­ gamme bei Hamburg .

Im Lager Neuengamme

Über dieses Lager gibt es nicht viel Neues zu berichten. Die Verhält­nisse entsprachen denen von Dachau . Nur war hier alles noch dreckiger und korrupter. Das Essen, die Unterkünfte, alles war wesentlich schlechter.

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