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Wir klagen an! : Ein Bericht über den Kampf, das Leiden und das Sterben in deutschen Konzentrationslagern ; Moor, Dachau, Mauthausen, Neuengamme, "Cap Arcona" / von Julius Schätzle, Schutzhäflting Nr. 211
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gewordene Menschen mit Gier über diese Reste stürzten, war vom ge­sundheitlichen Standpunkt nicht gut, aber es war erklärlich. Hunger tut weh.

Die Bestrafung der Unglücklichen, die bei einer solchen Handlung er­wischt wurden, war grausam. Zuerst gab es meist eine Tracht Prügel, von Kapp persönlich ausgeteilt. Dann wurde dem Häftling aus der Knochenkiste die Hirnschale eines geschlachteten Rindes samt Hörnern auf den Kopf gebunden. Mit dieser stinkenden Kriegstrophäe mußte nun der arme Kerl den ganzen Tag arbeiten, abends damit in das Lager mar­schieren und hier bis zur Schlafenszeit am Lagertor ohne Essen stehen bleiben.

Lagerstrafen

Mit der Ernennung von Hauptsturmführer Zill zum Lagerführer be­gann wieder eine harte Zeit. Nicht nur, daß alle abgeschafften Lager­strafen wieder eingeführt wurden, nein, sie wurden auch verschärft.

Die von der Reichsführung der verordneten 25 Stockhiebe wurden von Zill durch Einführung von Doppelhieben erhöht. Rechts und links des Deliquenten stellte sich je ein-Mann. Mit sadistischer Wollust wurden schon die Vorbereitungen in Ruhe genossen. Der Waffenrock wurde abgelegt, die Hemdsärmel hochgestülpt, die im Wasserbad ein­geweichten Ochsenziemer fachmännisch auf ihre Tauglichkeit geprüft. Die Zwischenzeiten waren ausgefüllt mit Witzen über die zu erwartenden Schmerzensschreie. Dann folgten lange Verlesungen der Urteile. Diese endlose Wartezeit war für die Häftlinge eine besondere Nervenqual.

Endlich mußte der erste vortreten. Das Hemd des Deliquenten wurde hochgezogen, die Unterhosen nach unten gestopft, so daß nur die dünne Leinenhose übrigblieb. Dann wurde er über einen Bock gezogen und festgeschnallt. Zum Überfluẞ setzte sich ihm noch ein-Mann ins Ge­nick. Bei der eigentlichen Prügelei legte der Herr" 4- Hauptsturmführer Zill großen Wert darauf, daß die-Männer ihre ganze Kraft einsetzten. Aber es durfte nicht schnell gehen. Gemütlich seine Zigarette rauchend, wiederholte er immer wieder: ,, Langsam, langsam, er soll zu seinem vollen Genuß kommen!"

Der arme, sich vor Schmerzen windende Tropf auf dem Bock war zu all dieser Pein noch verpflichtet, die Streiche laut und deutlich zu zählen. Wehe ihm, wenn ihn jetzt seine Nerven verließen und ihm ein Fehler unterlief. Sogleich ertönte der lakonische Ruf von Zill: ,, Falsch, von vorn beginnen!" Wurde er vor lauter Schmerzen bewußtlos, so wurde ein Kübel Wasser über ihn gegossen und gewartet, bis das Bewußtsein wiederkehrte, dann wurde die Prozedur fortgesetzt. Den zu ertragenden Schmerz kann ich nicht beschreiben. Es gibt hierzu keine Vergleiche. Durch die zwischen den einzelnen Hieben eingeschalteten Pausen, durch

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