Der April 1945 war von günstiger Witterung. Für die Reise von Büsingen nach Dachau brauchten wir unter den damaligen Verhältnissen acht Tage. Unterwegs waren wir in München - Karlshof umgeladen worden. Wir hatten schrecklichen Hunger und ich entsinne mich scheußlicher Szenen, die sich aus diesem Grunde auf dem Bahnhof dort abspielten. Die Häftlinge stürzten sich wie Tiere auf das frische grüne Gras, um den Hunger einigermaßen zu stillen. Ein Teil der Gefangenen war mit dem Ausladen der Lebensmittelwagen beschäftigt. Andere, durch den Hunger zum letzten entschlossen, fielen über sie her und raubten Brot und andere Nahrungsmittel. Die Posten schossen in den Haufen der vor Hunger halbwahnsinnigen Menschen, sodaß es auch hier nochmal einige Schwerverletzte gab. Irgendwo war ein Eimer Marmelade ausgeschüttet worden und im Nu stürzten sich Dutzende auf die süße Lache, die mit Sand und Dreck vermischt, gierig geschlürft wurde und binnen kurzem verschwunden war.
Von München aus marschierten wir zu Fuß nach Allach. Dort war eine ehemalige Irrenanstalt in ein K. Z. verwandelt worden. Tausende von Häftlingen aller Nationen, darunter auch Frauen, die von weiblichen SS- Posten bewacht wurden, waren hier untergebracht. Die SS - Wächterinnen trugen lange Reitstiefel und, dazu passend, Reitpeitschen; von weitem hörten wir häufig das Schreien der Frauen, wenn die entmenschten Weiber auf sie einschlugen.
Die Tränen traten uns in die Augen, als wir hier zum erstenmal so nahe Frauen in der großen Todesmühle sahen. Wir brauchten in Allach nicht mehr zu arbeiten. Unsere einzige Beschäftigung bestand darin, die Tausenden von Toten auf Rollwagen zu laden, mit denen sie dann nach Dachau geführt und dort im Krematorium zu Asche verbrannt wurden.
Die ganze Organisation war aus den Fugen. Mittags bekamen wir einen Liter Wasser mit zwei Kartoffeln, und bei der Ausgabe dieses jämmerlichen Fraßes gab es Mord und Totschlag unter den Häftlingen. Ich sah, wie Häftlinge, die noch Goldzähne im Munde hatten, sich diese mit den eigenen Händen ausrissen, um für das Edelmetall ein paar Scheiben Brot einzuhandeln. Einmal ist es mir selber gelungen, ein solches ,, Geschäft" zu vermitteln, und ich ei hielt als Provision den sechsten Teil der Brotration.
Die meisten Häftlinge waren bereits so schwach, daß sie nur noch auf der Erde liegen konnten. Bei der Entlausung hatte man uns auch hier wieder unsere Kleider abgenommen und uns neue Lumpen gegeben. Mancher lief buchstäblich nackt herum.
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