Konzentrationslager Gross-Rosen
Nun ging es rasch dem Ende zu, wenn es auch bis zur Befreiung uns noch über ein knappes halbes Jahr und viele tausende neue Tote kostete.
In einer langen Kolonne zogen wir dem Westen zu. Hinter uns versank das Lager Fünfteichen langsam im Schnee, und je weiter wir nach dem Inneren Deutschlands kamen, umso tiefer sank- auch unsere Hoffnung auf eine baldige Befreiung. Unser Weg war tief verschneit und die schweren Holzpantinen, die wir trugen, wuchsen mit jedem Schritt zu hohen Schneestelzen und wurden immer schwerer. Um überhaupt von der Stelle zu kommen, mußte man bei jedem Schritt die Füße aneinander schlagen und die Schneeklumpen wegschleudern. Das war eine zusätz- liche Strapaze, die uns alle Kräfte raubte.
Nachdem wir die ersten vierzig Kilometer des Marsches hinter uns hatten, trieb man uns, es war gegen zwei Uhr in der Nacht, in einem Dorf in einem großen Hof zusammen, Wir waren noch schätzungsweise 5000 Mann. Während die Prominenten, die sich mit gutem und reich- lichem Proviant versehen hatten, in einem Pferdestall unterkamen, muß- ten wir die Nacht über bei zwanzig Grad Kälte in diesem Hof zubringen. Um, fünf Uhr in der Frühe ging es wieder weiter. Wir bekamen weder
Wasser noch warmes Essen, und der Hunger'machte sich allmählich
schrecklich bemerkbar. In der nächsten Nacht brauchten wir nicht mehr im Freien zu kampieren. Zu je 2000 Mann wurden wir in eine große Scheune getrieben, in der sich die Menschen stellenweise zu Dreien über- einander schichteten. Ein jämmerliches Geschrei drang durch die dörf- liche Stille der Nacht. Es war fürchterlich, Die Scheune schien zu einem Massengrab lebendiger Menschen geworden zu sein. Wenn man nicht ersticken und totgedrückt werden wollte, mußte man sich mit allen Kräf- ten, die einem nloch zu Gebote standen, brutal gegen die Leidensgenossen zur Wehr setzen. Es entbrannten verzweifelte Kämpfe unter den Un- glücklichen. Einer zertrampelte den anderen, um ein wenig Platz für seine müden Knochen zu finden. Doch sobald der Sieger einschlief, wurde er schier von der über ihn stürzenden Masse erstickt und zu Tode ge- quetscht. Unser innigster Wunsch war, daß der Morgen| bald hereinbräche und daß diese Quälerei aufhöre. Wir wollten lieber vor Erschöpfung auf dem Todesmarsch fallen, als auf solche Weise ersticken. Der Morgen er- schien uns wie eine Erlösung. Ohne ein Auge zugetan zu haben, ging es wieder auf den Weitermarsch nach Westen.
Wir marschierten ohne Pause. Wer nicht mehr weiterkonnte, fiel einfach aus den Fünferreihen heraus und blieb am‘Wegesrand liegen.
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