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Unter dem gelben Stern : ein Tatsachenbericht aus der Zeit von 1933 bis 1945 / von Abraham Hochhäuser
Entstehung
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benälteste Prügel bekommen, erhielten auch wir anderen selbstverständ- lich unseren Anteil davon. So schlug jeder jeden; es war ein völliges Chaos der Gefühle.

Einige hatten versucht, dieser Hölle dadurch zu entgehen, daß sie sich Injektionen beibrachten, weil sie die Hoffnung hatten, als Kranke nach Sosnowitz zurückgeschickt zu werden. Meist endete ein solcher Ver- such jedoch in Auschwitz , in den: Öfen, und nur wenigen gelang es, auf dem vorhin geschilderten Wege der Bestechung für kurze Zeit freizu- kommen.

Durch Vorarbeiter, die zuweilen im Ghetto von Sosnowitz zu arbei- ten hatten, bekamen wir einige Male Nachrichten von unseren Angehöri- gen zugestellt. Aus ihren traurigen Botschaften entnahmen wir, daß wir im: Verhältnis zu ihrer Lage noch paradiesisch zu leben schienen. Die Frauen mußten ihre Kinder beim täglichen Ausmarsch aus dem Ghetto

heimlich mit sich schmuggeln, denn es war vielfach geschehen, daß die.

Kinder, während die Mütter in den| deutschen Fabriken arbeiteten, von den Menschenjägern gefangen und zum Transport in die Öfen entführt worden waren. So gingen bereits die Kleinen und Kleinsten, die in ein solches Leben zum Teil hineingeboren worden waren, den Weg, den ihre Väter und Mütter bereits geschritten waren oder später gegangen sind.

Unser eigenes Schicksal im Lager trat eines Tages in eine neue Etappe. Ein Befehl verlegte uns von Tarnowitz nach Markstädt. Von einer kleineren Hölle kamen wir in eine größere. Aber, auch Markstädt war gewissermaßen erst eineVorhölle zu dem, was ich'später noch in den Konzentrationslägern erlebt habe.

Arbeitslager Markstädt

Wieder wurden wir in aller Eile verladen. Wieder mußten wir uns in die bereitstehenden Viehwagen drängen. Aber, gottlob, diesmal dauerte die Reise nicht lange und war zu ertragen. Das neue Lager in Markstädt war nicht weit von Tarnowitz entfernt. Das Städtchen hatte früher ein- mal Laskowitz-Beckern geheißen, aber dieser Name schien: den neuen Herren nicht deutsch genug geklungen zu haben. Wir waren hier nicht weit von Breslau , meiner einstigen Heimatstadt in glücklicheren Tagen, entfernt. Die Lageranlagen waren bereits fertig und zu unserem Empfang bereit. Weit öffneten sich die Tore, als die riesige Sklavenkarawane über die frischangelegte Aschenstraße ins Lager Einmarsch hielt. Links und rechts die Baracken, die uns für die nächsten Monate als Heime dienen sollten. Sie waren zum Teil schon bevölkert. Bereits vor uns waren Transporte mit einigen Tausenden anderer eingetroffen. In einem Seiten- lager auch hier wieder Frauen.

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