Herr des Lagers schien der Judenälteste Baruch Meister zu sein. Er empfing uns mit„brüderlichen Grüßen“ und dem Rat, unsere„Pflicht“ zu tun. Diese Pflicht bestand darin, auf einer fünf oder sieben Kilometer entfernt gelegenen Baustelle große Fabrikhallen für die Firma Krupp- Essen aufzustellen. An die 100 Kolonnenschieber(Vorarbeiter) trieben uns in Tag- und Nachtschichten, mit Tausenden von Zwangsarbeitern aus allen europäischen Ländern, zur Arbeit an. Laufend trafen neue Trans- porte aus ganz Europa ein. Als die Hallen fertig waren, wurden wir ein- gesetzt, die Maschinen aufzustellen, mit denen dann die Waffen herge- stellt wurden, die gegen uns selber gerichtet waren.
Die Zahl der im Lager eingetroffenen Juden war inzwischen auf etwa 3 000 angestiegen. Bei einer Verpflegung, die auch hier sehr viel zu wünschen übrig ließ, war es schwer, die zwölfstündige Arbeit am Tag durchzuhalten. Der Judenälteste hatte einen guten Einfluß bei der La- gerführung und es gelang ihm gelegentlich, etwas zur Verbesserung un- serer Lage zu tun. Da die Lagerführung häufig wechselte und jeder Neue bestrebt war, neue Methoden anzuwenden, durch die die Sklaven am besten ausgenutzt werden konnten, war es für Meister möglich, mitunter allerhand Vorteile für uns zu erreichen.
Es war für uns zwar eine feste Lebensmittelration vorgesehen, doch wurden uns große Mengen davon: vorenthalten, die abgezweigt wurden und den Familien der Lagerführung zuflossen. Was kümmerte es die Herren, daß wir tagtäglich schwere Zementsäcke'schleppen mußten oder im schnellen Tempo Sand- und Lehmloren zu entladen hatten? Unter einer solchen Arbeit wurde ein einziger Tag manchmal zu einem ganzen Jahr. Um vier Uhr in der Frühe war Wecken, dann folgte der mehrere Kilometer lange Marsch zur Arbeitsstätte, von der aus wir erst wieder am Abend gegen acht ins Lager zurückgebracht wurden.
Die Vorarbeiter versuchten zum Teil durch eine Scheibe Brot oder ein paar Kartoffeln die Arbeitsleistung der Sklaven anzuspornen. Aber auch das geschah letzten Endes immer auf Kosten unserer Gesundheit, weil diese Prämie an Lebensmitteln in keinem Verhältnis zu der gefor- derten Mehrleistung stand. Mancher Unglückliche, der seinem Vorarbei- ter durch hohe Arbeitsleistung imponieren wollte, grub sich damit selber sein Grab. Dieses System wurde vor allem für die schwächeren zum Ver- hängnis. Sie waren einem noch intensiveren gesteigerten Arbeitstempo überhaupt nicht mehr gewachsen. Dabei kam es dann mitunter auch noch vor, daß beim Einmarsch ins Lager eine Leibesvisitation durchgeführt wurde, und dann wehe denjenigen, die ein Stück Brot oder einige Kar- toffeln bei sich hatten.
Nach dem Einmarsch der Kolonnen im Lager am Abend'meldete
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