konnte. Der militärischen Besatzung folgte die deutsche Zivilverwaltung, das„Generalgouvernement“. Die Deutschen hatten genügend Arbeitsmöglichkeiten für das polnische Volk und für die vielen Juden, die in Polen lebten. Das ganze Land war ein riesiges Reservoir von Ar- beitskräften, billigem Arbeitsmaterial, das man am besten ausnutzen zu können glaubte, indem man es in Form einer mittelalterlich anmutenden Fron in den gewaltigen Apparat der deutschen Kriegsindustrie einspannte. Man machte sich keinen Skrupel daraus, zu einer solchen von der abend- ländischen Entwicklung längst überwundenen primitiven Kulturstufe zu- rückzukehren. Im nationalsozialistischen Denken hatten die sogenannten „niederen“ Rassen und Völker keinen Platz, es sei denn eben als Sklaven. Das Leben der Unglücklichen, die dieser menschenunwürdigen Pseudo- kultur, die von einer zynischen„Philosophie“, einem„Mythos des XX. Jahrhunderts“ untermauert war, zum Opfer fielen, war Sklaverei, an deren Ende die physische Vernichtung ganzer Völker und Rassen stand. Diese Sklaverei wirkte sich in der Praxis noch grausamer aus als die der alten Zeit, weil damals der Mensch wenigstens noch einen Realwert als Arbeitskraft besaß, den man nicht so ohne weiteres zerstörte. Dieser Re- alwert war innerhalb der nazistischen Sklaverei nur zeitlich begrenzt und bot so dem einzelnen keinen Schutz vor der ihn dauernd bedrohenden Vernichtung.
Auf Befehl der deutschen Zivilverwaltung wurde jeder, der in Po- len: lebte,„in den Arbeitsprozeß eingeschaltet“. Wir Juden wurden vor- erst noch zu Arbeiten in unserer Stadt herangezogen. Wir mußten im Auftrage der Stadtverwaltung von Sosnowitz schwere Erdarbeiten ver- richten und erhielten, bei zehnstündiger täglicher Arbeitszeit, einen Wo- chenlohn von 10.50 Reichsmark ausbezahlt. Davon konnte man weder leben noch sterben. Ich hatte eine Familie von insgesamt fünf Köpfen zu ernähren und mußte, um überhaupt existieren zu können, die Nacht über schwarzarbeiten und selbst meine 65 Jahre alte Mutter mit einspan- nen.
Aber auch mit einem solchen Leben fand man sich schließlich ab und gewöhnte sich daran, weil einem einfach nichts anderes übrig blieb.
Befehle auf Befehle'
Am 24. Oktober 1940 kam ein neuer Befehl heraus, der arbeits- fähige Juden zum Transport nach Deutschland bestimmte. In Sosnowitz wurde ein großes Sammellager errichtet, in, dem der Abtransport in die verschiedenen Zweige der Kriegswirtschaft Deutschlands organisiert wur- de. Wer dem Befehl nicht gutwillig Folge leistete, wurde mit Gewalt in dieses Lager geschleppt. Mit einem der ersten Transporte ging ich nach Schlesien zurück. Meine Angehörigen blieben in Polen .
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