Ein ganzes Jahr ließ man uns„in Ruhe“, Das Allerletzte mußte verkauft werden, damit wir Leben konnten. Selbstverständlich wurden wir von: den neuen Behörden auch zu Arbeiten herangezogen. Und selbst- verständlich bestanden diese Arbeiten für uns, weil wir Juden waren, im Schmutzigsten, was aufzutreiben war. Welchem Beruf oder Stand der Einzelne angehörte, spielte gar keine Rolle.
Allein dafür wäre ein ganzes Buch nötig, um all die Schandtaten aufzuzählen, die sich die„Helden“ des Dritten Reiches bereits in diesem ersten Jahr ihrer Besatzung Polens leisteten. Ich kann hier nur ein paar Episoden erwähnen, Episoden, die das Leben: in’ jenen Tagen begleiteten, und es geschah kaum, daß einem diese Ungeheuerlichkeiten: noch beson- ders auffielen. Menschen, die aus irgendeinem Grunde den Deutschen nicht gefielen, wurden mitten in der Stadt bei hellichtem Tage nieder- geschossen oder öffentlich aufgehängt. Wie oft kam es vor, daß man beim Brotholen plötzlich einen aus der Schlange herausriß und an Ort und Stelle exekutierte. Kein Bitten‘ und Flehen konnte vor der Willkür der Sieger schützen.
Aber auch das war wiederum nur ein Auftakt zu dem groß ange- legten Vernichtungsprogramm, das man in den späteren Jahren in Polen durchführte. Es war der erste Akt, oder beinahe nur erst das Vorspiel zu der großen Tragödie.
Noch waren wir mit unseren Frauen und Kindern zusammen. Daß dies später nicht mehr der Fall war, ist bei allem vielleicht noch ein Glück für uns gewesen. Wie hätten wir bei unseren eigenen furchtbaren physi- schen Leiden auch noch die seelischen Qualen ertragen sollen, die uns der Anblick unserer langsam zu Grunde gehenden Frauen und Kinder be- reitet hätte?
Die erste Zeit im deutsch-besetzten Polen war hart genug, die Schi- kanen, die man uns täglich zufügte, ungeheuerlich und der Mangel’ an den dringendsten Notwendigkeiten des Lebens drückend. Immerhin leb- ten wir, wenn auch kümmerlich genug, und hatten ab und zu Stunden, die wir im Kreise der Familie verbringen konnten, und in denen wir beinahe vergaßen, wie furchtbar diese Gegenwart war; die enge Schick- salsgemeinschaft mit den Menschen, die wir liebten, hat uns über manches hinweggetröstet.
Die„Neue Zeit" bricht an
Das Jahr 1939 war vergangen und das neue Jahr brach an, ohne daß man eine Hoffnung auf Änderung dieser trostlosen Zustände sehen
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