Mit diesen Menschen zog ich 14 Tage und Nächte lang durch das von der Kriegsfurie heimgesuchte Land. Man kam kaum zum Essen und Schlafen. Tagsüber waren wir einer erbarmungslos brennenden Hitze aus- gesetzt und in der Nacht einer bitteren Kälte preisgegeben. Es war eine’ fürchterliche Strapaze, die alles vorher Erlebte in den Schatten stellte. Immerhin; kamen; wir auf solche Weise beinahe bis Lublin . Beinahe... Als wir nämlich im Begriff waren, in die Stadt einzuziehen, wurden wir von den vormarschierenden Deutschen eingeholt. Panikartig stob unser Zug in alle Winde auseinander. Dabei verlor ich auch wieder meinen Schwiegervater und meinen Schwager, die ich beide kurz zuvor aus Zu- fall auf dem Marsch getroffen hatte. Aber das kam mir gar nicht mehr sehr zu Bewußtsein; ich hatte nur noch den Gedanken, so schnell wie möglich zu meiner Frau und zu dem Kinde zu kommen, um die beiden wenigstens— wie ich glaubte— vor dem Schlimmsten: bewahren zu können.
Am Rande eines Dorfes, durch das mein Weg führte, geriet ich al- lerdings in ein Abenteuer, das mir und meinen jüdischen Weggenossen beinahe das Leben gekostet hätte. Ein Trupp deutscher Soldaten schnitt uns den Weg ab und hielt uns an. Wir hätten den Polen den Weg ge- zeigt und würden deshalb auf der Stelle füsilier. Wir warfen uns auf die Knie und baten— unsere Unschuld beteuernd— um Gnade. Aber diesmal kam uns noch einmal ein anderes Wunder zü Hilfe.-Der Rest einer polnischen Division geriet mit den Deutschen in ein: Gefecht, in des- sen Verlauf es uns gelang, uns seitwärts in die Büsche zu schlagen, Wäh- rend die Soldaten noch im Gefecht waren, benutzten wir die Gelegenheit, zu entkommen und dem Tode, den wir bereits greifbar vor Augen wuß- ten, zu entgehen. In einem nahegelegenen Wald warteten wir den An- bruch der Dunkelheit ab und konnten sschließlich unser Leben für dieses Mal in Sicherheit bringen.
Nun ging es im beschleunigten Tempo Tag und Nacht weiter. Über vom: Krieg aufgerissene Felder und Wiesen, durch granatenzerfetzte Wäl- der, an verbrannten Häusern und Dörfern vorbei, in denen Berge von Toten die einzigen Einwohner waren. Unterwegs begegnete man immer wieder neuen Leichengruppen; Tote, wohin man blickte. Es war eine grauenhafte Demonstration vom Schrecken des neuen Krieges, der erst seit wenigen Tagen losgebrochen war. In allen Dörfern und Städten, durch die wir zogen, hörten wir von neuen Greueln, aber auch mit eige- nen Augen sahen wir soviel Schrecken, wie sich mit Worten gar nicht beschreiben läßt. In dem kleinen Städtchen Mielce fanden wir die Syna- goge mit verbranniten Menschenleibern vollgepfropft.e. Auch die Kirche war niedergebrannt, und’um die Ruinen herum zeugten wieder hunderte von Leichen davon, was sich hier ereignet hatte. Die Sorge um meine
15


