alle Zeiten zerrissen bleiben sollen, liegt an. jedem einzelnen von uns, an der Erfahrung, die er gemacht hat, im KZ, im Exil oder an den Verlusten, die er an seinen nächisten Angehörigen erlitten hat.
Ich war von 1937 an auf der Flucht, von 1940 bis zur Befreiung am 30. April 1945 Insasse von fast einem Dutzend Arbeits- und Konzentra- tionslagern. Von meinen neun Geschwistern sind drei Schwestern in den Gaskammern umgebracht worden. Meine Brüder gingen ins Ausland, während ich meiner betagten Eltern wegen bleiben mußte. Ich konnte sie ebensowenig wie meine Frau und mein Kind davor bewahren, eines Tages den Gang zum Henker antreten zu müssen. Ich selbst habe, glaube ich, vom Bittersten erlebt, was man in diesen bitteren Jahren überhaupt er- leben konnte, und ich glaube deshalb mit diesem Bericht, der nichts als ein unumwunden knapper Tatsachenbericht sein soll, ein Wort zur De- batte über Deutschland , wie es in seinen finstersten Tagen war, beitragen zu können.
Zugleich glaube ich aber auch ein Wort darüber sagen zu dürfen, wie ich dieses Deutschland von früher her in Erinnerung hatte und wie ich heute und in Zukunft zu ihm stehe: ob nämlich die menschlichen Be- ziehungen zu einem anderen Deutschland unwiderruflich und für ewig zerrissen bleiben sollen...
Ich persönlich habe mich entschieden, diese Frage mit Nein zu be- antworten.
Flucht in die„Freie Stadt"
Nach meiner ersten Bekanntschaft mit der Breslauer GESTAPO fühlte ich mich nicht mehr sicher in Deutschland und floh mit meiner Frau in die damals noch sogenannte„Freie Stadt Danzig“, wo ich Ruhe und Arbeit zu finden hoffte. Aber auch dort schon war der Kampf ums tägliche Brot schwer. Die Nazis Hatten bereits an Feld gewonnen. Herr Forster, der drei Jahre nach Kriegsende von einem pol- nischen. Gerichtshof zum Tode verurteilt worden ist, praktizierte hier bereits die gleichen Methoden, wie man sie in Deutschland vor der Macht- ergreifung kennen gelernt hatte. Die Lage für die Juden in Danzig ver- schlechterte sich von Tag zu Tag. Der antisemitische Kampf wurde zu- erst von der Danziger Steuerbehörde geführt, während im Senat noch schwere Auseinandersetzungen mit den demokratischen Elementen der Freien Stadt im Gange waren. Das ging zunächst noch ganz inoffiziell und scheinbar legal vor sich: man sprach bei den jüdischen Geschäfts- inhabern vor, ließ sich die Bücher zur Revision vorlegen und stellte fest, daß sie„nicht in Ordnung“ waren. Das war dann; der Vorwand, um den


