politischen Lagern der Vergangenheit. Das Menschliche in ihnen war unter dem Schutz des Systems nicht zugrunde gegangen. Die unbestechliche Gegnerschaft zum Hitlerismus und ein Band gegenseitiger Achtung hielt sie zusammen. So hatten sie alle, von der äußersten Linken bis hinein in die früheren Rechtsparteien, durch ihre Haltung sich das Ansehen ihrer Mitbürger bewahrt und den Geist des Widerstandes in weitere Kreise der Bevölkerung getragen. Um sie gruppierte sich rasch die jetzt führerlos gewordene Masse. Als ich in Pößneck eintraf, war ich erstaunt über die vollständige Umwälzung, die sich in der Stimmung der Bevölkerung innerhalb kürzester Zeit vollzogen hatte. Die selbstmörderische Politik von Regierung und Oberkommando der Wehrmacht hatte die Menschen aufgerüttelt. Wilde Flüche und Verwünschungen gegen die wankenden Götzen waren an der Tagesordnung. Dazu kam der Zorn über die von allen Seiten eintref-, fenden Nachrichten von der sinnlosen Zerstörung der Städte, Brücken, Verkehrswege und Vorratslager. Die Opfer innerhalb der Stadt wirkten wie eine flammende Anklage gegen das verbrecherische Regime. Die Sorge um Haus und Wohnung kam überall laut zum Ausdruck. Die Partei, formell noch an der Macht, wurde von niemandem mehr gefürchtet. Die Entscheidung, ob die Stadt verteidigt oder aufgegeben werden solle, hing an des Messers Schneide. Hitzköpfe in der Hitler- Jugend , vor allem deren Führer, schienen zu kindischen Dummheiten geneigt, wurden aber von dem entschlossenen Willen der Bürgerschaft niedergehalten. Die Entscheidung lag in den Händen des deutschen Kommandanten und des Kreisleiters der NSDAP . Zum Glück hatte dieser in erster Linie seine persönliche Sicherheit im Auge und kümmerte sich wenig um das
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