Gassen voneinander getrennt, lebte die Bevölkerung zusammen. Jeder kannte jeden, einer wußte vom anderen und viele miẞtrauten sich gegenseitig. Dieser Zerfall der nachbarlichen Treue und des Vertrauens, die zu den wertvollsten seelischen Kräften des kleinstädtischen und dörflichen Lebens gehörten, ist auch eine besondere Seite im Schuldbuch des Hitlertums. So war es nach meiner Beobachtung in ganz Thürin gen , das ja auch als nationalsozialistisches Probierund Musterländchen vorbelastet war. Hier fand 1926 nach der Neugründung der Partei der erste Parteitag statt. Von hier aus provozierte Dr. Frick als erster nationalsozialistischer Minister seine politischen Gegner, und in Thüringen entstand 1932, sechs Monate vor der sogenannten Machtergreifung im Reich die erste rein nationalsozialistische Landesregierung in Deutsch land . Diese besondere Note des Nationalsozialismus in Thüringen wurde unterstrichen durch die komische Figur des Gauleiters Sauckel Sauleiter Gauckel nannte ihn der Volkswitz von dem zu Beginn seiner Herrschaft als Reichsstatthalter die tollsten Geschichten kursierten. Er galt als einer der ältesten Gefolgsleute Hitlers , von dessen Gnadensonne erwärmt, er sich zu besonderen Leistungen berufen fühlte, für die er weder mit Verstand noch mit Phantasie ausreichend ausgestattet war. Alle seine Reden und Kundgebungen strömten ein besonderes Maß von Dummheit aus. Gleich zu Beginn seiner Laufbahn als Reichsstatthalter hatte er ein großes thüringisches Werk, das einer jüdischen Familie gehörte, in Widerspruch mit allem geltenden Privatrecht, an sich gerissen und unter dem Namen Sauckel - Werke zusammen mit anderen Unternehmungen zu einem sogenannten Musterbetrieb gemacht. Sich mit fremden Federn schmücken, war ja
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