den benachbarten Dörfern. Versprengte in großer Zahl, müde, matt, heruntergerissen und ausgehungert, in der Mehrzahl ohne Waffen, suchten meist vergeblich die befohlenen Anschlüsse. Jeder Zusammenhang schien verloren gegangen zu sein. Fast ausnahmslos hatte diese Soldaten eine hoffnungslose Stimmung erfaßt. Die mei­sten machten ihrer Empörung über die verbrecherische Fortsetzung des Krieges Luft. Keinen traf ich, der wil­lens gewesen wäre, dem offenkundigen Wahnsinn in letzter Minute noch Gesundheit und Leben zu opfern. Die Betriebe waren geschlossen. Trotzdem waren die Straßen und Gassen der Stadt menschenleer, denn die Bewohner verkrochen sich in Keller und Bunker oder flüchteten in die nahen Wälder, die ihnen Schutz vor den Fliegern zu bieten schienen.

Politisch war die lebhafte Kleinstadt bis 1933 in zwei fast gleiche Teile zerfallen: in einen bürgerlichen, in dem zuletzt die Nationalsozialisten dominierten, und einen kommunistisch- sozialdemokratischen, in dem die beiden Linksparteien einander ziemlich die Waage hielten. Während der zwölf Jahre nationalsozialisti­scher Herrschaft ging die große Mehrheit der Bevölke­rung mehr oder weniger willig mit dem System. Das trat, wie überhaupt in Thüringen , in einer besonderen Stilart auf, die sich aus der Enge und Kleinheit aller Verhältnisse erklärt, die dem sonst so liebenswürdigen Ländchen und seiner Bevölkerung eigentümlich sind. Nach außen wurde, wenn es im Innern auch häufig genug ganz anders aussah, in Haltung und Phrase eine besondere Nazitreue, die auf Fremde oft lächerlich wirkte, zur Schau getragen. Der Hitlergruß hatte jede andere Form der Begrüßung verdrängt. In alten Häu­sern, auf gleichen Fluren miteinander wohnend, nur von offenen Treppen, dünnen Wänden oder schmalen

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