Sonne stieg höher. Die ostthüringischen Waldgebiete näherten sich. Wie eine Warnung vor akuter Gefahr wirkten die angeschossenen und ausgebrannten Wagen, die zu Dutzenden in beiden Richtungen der Fahrbahn herumlagen. Hinter Eisenberg wollten wir die Rast­stelle beim Hermsdorfer Kreuz anfahren, um dort unser Frühstück einzunehmen. Wir wurden jedoch so­fort zur Weiterfahrt aufgefordert, da Beschuß drohe. Tatsächlich ging schon nach kurzer Zeit das Geknatter der Bordwaffen los. In großer Hast wurden die zahl­reichen Gepäckstücke ins Gebüsch oder in den Wald geworfen. Ein einziger Treffer in unsere Benzinladung hätte eine gewaltige Explosion hervorgerufen und alles im näheren Umkreis des Wagens in Mitleidenschaft ge­zogen. Dicht über unseren Häupten kreisten die Flieger. Dem ersten Angriff folgte eine scheinbare Ruhe, die uns zum Weiterfahren verlockte, doch bald setzten ein zweiter und ein dritter Angriff ein. Erst zwischen elf und zwölf Uhr ließen die Angriffe endlich nach. Auf der kurzen Strecke bis zur Ausfahrt Triptis zählten wir nicht weniger als sechs zerschossene Wagen, deren Insassen im Wald Schutz gesucht und so mit dem Leben davongekommen waren. Es gelang mir, den Offizier zu bewegen, uns bis Pößneck zu fahren, da alle dorthin führenden Strecken der Reichsbahn durch Feindein­wirkung bereits unbefahrbar geworden waren. Nach zweiundzwanzigstündiger Fahrt hielten wir in meiner Geburtsstadt vor der Wohnung meines Neffen. Eine seltsame Ironie des Schicksals hatte es gewollt, daß mich die Polizei Himmlers vor ihr in Sicherheit brachte.

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