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Nacht über Deutschland : Erinnerungen an Dachau ; ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Dritten Reiches ; aus dem literarischen Nachlaß / von Walter Adam
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keine Führerpersönlichkeiten mit Zivilcourage und Rückgrat. Die Ge­nerale und hohen Offiziere, die in Haltung und Auftreten noch immer die preußisch- deutsche Soldatentradition verkörpern wollten, beugten sich vor einem Parteiführer mit anrüchiger Vergangenheit, nahmen Orden und Marschallstäbe aus seiner Hand entgegen und ließen sich als willige Werkzeuge einer Gewaltpolitik gebrauchen, die mehr den Begriffen der Gangstermoral als der Soldatenehre entsprach. Manche dieser Herren verachteten die Partei und alle die Zwielichtexistenzen, die sie über Nacht an die Oberfläche der Nation geschwemmt hatte, aber die Aussicht auf totale Wiederaufrüstung mit allen ihren sach­lichen und persönlichen Chancen und die Hoffnung auf einen billigen Sieg überwogen alle Bedenken.

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So sah sich der Deutsche außerhalb der Partei ohne jeden Rückhalt im auch eigenen Lande und auch ohne Rückhalt in aller Welt. Jawohl, in aller Welt. Das ist freimütig auszusprechen, wenn von Schuld die Rede ist. Vom Jahre 1933 bis zum Jahre 1939 ergab sich der zwin­gende Eindruck, daß die internationale Stellung der braunen Regie­rung fester und stärker sei als die jeder anderen deutschen Regierung zuvor. Was immer sich Hitler auf dem Boden der europäischen Poli­tik erlaubte, er fand keinen ernsten Widerstand. So konnte er im Februar 1938, bei der Begegnung in Berchtesgaden , dem österreichischen Bun­deskanzler hochmütig erklären, eine gewaltsame Besetzung Österreichs wäre für ihn viel weniger riskant als seinerzeit die Remilitarisierung des Rheinlandes. Er hat recht behalten. Auf den Raubzug gegen Öster­ reich und die sudetendeutschen Gebiete folgte die Konferenz zu Mün­ chen , die als internationale Sanktionierung der Gewaltpolitik aufge­faßt werden mußte, und auf die Konferenz zu München folgte unter den Augen eines zwar nicht schweigenden, aber passiven Europa der Gewaltstreich gegen die Tschechoslowakei . Alles das war für eine innerdeutsche Opposition höchst entmutigend und legte dem partei­politisch neutralen und um das liebe Brot besorgten Staatsbürger den Gedanken nahe, daß das Regime wahrscheinlich sehr lange dauern werde und es daher zweckmäßig sei, sich mit ihm abzufinden. Dennoch kann man das deutsche Volk in seiner Gesamtheit verant­wortlich machen, aber die Schuldfrage darf sich dann nicht auf den engen Zeitraum von 1933 bis 1945 oder auf das Faktum Konzentra­tionslager im besonderen beschränken, sondern muß vielmehr im wei­ten Raum der europäischen Geschichte des letzten Jahrhunderts die

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