Die Anklage, die oft zu hören ist, geht über die Gestapo , die SS und die Partei hinaus, bis zu der Generalanklage: Das ganze deutsche Volk ist schuldig.
Mit dieser Formulierung ist die Gefahr gegeben, daß die sittliche Forderung nach Gerechtigkeit auf die Rutschbahn der Politik gerate, „Volk“ schlechtweg bezeichnet ja nicht mehr als eine amorphe Masse von Einzelindividuen. Erst die politischen, sozialen und militärischen Organisationen machen aus dem Volk einen lebendigen, willens- und handlungsfähigen Organismus. Nachdem es dem Nationalsozialismus im Jahre 1933 gelungen war, alle ihm nicht zusagenden Organisationen, von den großen Parteien und Gewerkschaften bis zum letzten Gesangs- verein, zu zerschlagen, blieb außerhalb der Partei nichts anderes übrig als die amorphe, unorganisierte und unorganisierbare Masse, ausge- liefert einem bis zur letzten Konsequenz gesteigerten Terror und ohne alle Möglichkeit und Mittel, einen Willen zur Geltung zu bringen. Ob dieses gestaltlos gemachte Volk außerhalb der braunen Partei von den Zuständen in den Konzentrationslagern viel oder wenig gewußt hat, ist eine Frage zweiter Ordnung. Ich habe nach meiner Entlassung aus der Haft feststellen können, daß viele Leute sehr genau informiert waren, andere wenig oder nur gerüchteweise. Wie dem auch sein mag, für eine wirksame Reaktion gegen den Terror hätte es einer über- legenen Waffengewalt bedurft. Proteste im Namen des Rechtes und der Menschlichkeit waren zwecklos, und wo sie doch ausgesprochen wurden, haben sie nur die Zahl der Häftlinge und der Todesopfer vermehrt. Man kann eben eine tobsüchtig gewordene Staatsgewalt nicht mit Argumenten zur Vernunft bringen, ausgenommen jene Argu- mente, die die alliierten Armeen von Stalingrad bis Berlin , von El Alamein bis zu den Alpen und von der Normandie bis über die Elbe zur Geltung gebracht haben.
Eine Organisation außerhalb der braunen Partei war allerdings er- halten geblieben: Die Wehrmacht zu Lande, zur See und in der Luft. Sie-war lange Zeit die Hoffnung des gesitteten Deutschland und hat diese Hoffnung bitter enttäuscht. Die wenigen Generale in führenden Stellungen, die nach Intelligenz und Charakter befähigt gewesen wären, der braunen Flut ‚rechtzeitig einen Damm entgegenzusetzen, wurden umgelegt oder: beseitigt. Es gab viele brauchbare General- stäbler und gut ausgebildete Kriegshandwerker aller Zweige, tapfere Soldaten, tüchtige Organisatoren, aber keine überragenden Köpfe und
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