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Nacht über Deutschland : Erinnerungen an Dachau ; ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Dritten Reiches ; aus dem literarischen Nachlaß / von Walter Adam
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Fünf Monate im Lager Flossenbürg

Von der kleinen Industriestadt Weiden in der bayrischen Pfalz, an der Hauptstrecke RegensburgEger, führt eine Lokalbahn in der Rich- tung auf die böhmische Grenze. Sie geht in. ihrem letzten Teil in ein Industriegeleise über, das nach vielen Windungen bei dem kleinen Berg- dorf Flossenbürg sein Ende findet. Auf einer steilen, schlecht erhaltenen Fahrstraße steigt man zum Dorf hinauf, ein paar armselige Häuser mit dem WirtshausZur Steinpfalz als repräsentativstem Gebäude. Über dem Dörfchen steht wie eine mächtige, gezackte Krone die Ruine der Flossenburg. Einst sollen sehr stolze und mächtige Herren von diesen Mauern aus das Land ringsum beherrscht haben, bis die Hussiten aus Böhmen herüberkamen und Dorf und Burg umlegten. Die Straße wird immer steiler und schlechter, man könnte glauben, sie werde sich in Tann und Stein bald ganz verlieren. Aber nach einer letzten Biegung steht man vor der seltsamsten Siedlung, die je in deutschen Waldbergen zu sehen war.

Da stehen rechts und links an den steilen Hängen eines kleinen Tal- kessels dunkelgrün gestrichene Baracken in Terrassen übereinander. Auf der Sohle des Talkessels ist ein kleinerAppellplatz ausgespart, davor stehen noch einige primitive Holzbuden und alte Holzbaracken. Rings- um läuft steil bergauf, bergab ein mehrfaches Stacheldrahthindernis, dazwischen auf hohen Pfählen die Hütten für die Wachposten, von' der Ferne wie große Vogelkäfige anzuschauen. Unmittelbar neben den Baracken steigt vom Appeilplatz weg, noch innerhalb des Stachel- drahts, ein Granitsteinbruch empor, etwa hundert Meter hoch und so steil, daß man ihn nur über Stufen erklimmen kann.

Wie kam der Herr Reichsführer der SS auf den Gedanken, in diesera letzten verlorenen Winkel des Deutschen Reiches, in 800 Meter See- höhe, ein Konzentrationslager anzulegen? Es gibt dafür drei Gründe, die jedermann einleuchten müssen. Erstens ist keine Arbeit so wie die Steinbrucharbeit geeignet, planvolle Häftlingsschinderei mit einem nützlichen Zweck zu verbinden. Zweitens brauchte das Dritte Reich für seine Prachtbauten in Nürnberg , Berlin , München und anderwärts viele Bausteine aus Granit, die bekanntlich sehr billig sind, wenn sie mit unbezahlter Häftlingsarbeit gebrochen werden; die großen Summen

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