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Nacht über Deutschland : Erinnerungen an Dachau ; ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Dritten Reiches ; aus dem literarischen Nachlaß / von Walter Adam
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daheim, wurden sie zur Gestapo vorgeladen und umständlich verhört. Ihre Anwesenheit beim Lager, wahrscheinlich nach der Kennummer des Autos festgestellt, war der Gestapo in Österreich schon auf Stunde und Minute bekannt!

Bei einem Fluchtversuch vom Arbeitsplatz weg hatte der Gefangene vor allem für einen gehörigen Zeitvorsprung zu sorgen. Spätestens bei Arbeitsschluß, wenn die Arbeitspartie vor dem Rückmarsch ins Lager_ gesammelt und abgezählt wurde, mußte das Fehlen eines Mannes ent- deckt werden. Um diese Zeit mußte der Flüchtling das Lager schon weit hinter sich haben oder unauffindbar versteckt sein, um dann unter dem Schutz der Nacht hinauszuschleichen.

Wenn der Abgang eines Häftlings festgestellt war, heulten die Alarm- sirenen, die Gefangenen traten auf dem Appellplatz an, die Totenkopf- SS bewaffnete sich bis an die Zähne und setzte den Stahlhelm auf, Abteilungen der Waffen-SS , begleitet von Fanghunden, schwärmten nach allen Richtungen kilometerweit aus, eine eigene Radiostation funkte das Signalement.des Flüchtlings. Im Lager und auf dem Arbeits- platz hatten ausgesuchte Häftlinge und SS -Leute das Unterste zu oberst zu kehren, jeden Bretterhaufen, jedes Erdloch, jeden Kanal immer wieder zu durchsuchen. Die Gefangenen aber mußten auf dem Appell- platz solange ohne Rast und ohne VerpflegungStillgestanden! stehen bleiben, bis der Flüchtling gefunden wurde oder bis jede Aussicht ge- schwunden war, ihn mit den Mitteln und dem Personal des Lagers zu ergreifen.

Die wenigen Flüchtlinge, die allen Verfolgungen entrinnen konnten, wurden fast ohne Ausnahme schon nach einigen Tagen von den Be- hörden gefaßt und in das Lager zurückgeführt. Mir sind nur zwei Fälle erinnerlich, wo Gefangene für immer verschwanden. Ob ihnen die Flucht endgültig gelungen war oder ob sie ums Leben gekommen

sind, erfuhren wir nicht.

Einen interessanten Fluchtversuch, der um ein Haar gelungen wäre, unternahm anfangs 1939 ein Nationalsozialist aus dem Stabe Röhms. Er behauptete, im Range eines SA.-Gruppenführers Chefpilot bei Röhm gewesen zu sein und war im Jahre 1934 anläßlich der Reichsmord- woche ins Lager gekommen. Dieser Mann schaffte sich eine lange Unterhose und eine Wolljacke auf den Arbeitsplatz und schwärzte sie mit Ofenruß, dann konstruierte er sich aus zusammengestohlenen Be-

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