Druckschrift 
Nacht über Deutschland : Erinnerungen an Dachau ; ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Dritten Reiches ; aus dem literarischen Nachlaß / von Walter Adam
Entstehung
Seite
64
Einzelbild herunterladen

wurden die Verurteilten am nächsten Morgen wieder abgeführt. Ich weiß nicht wohin und welchem Schicksal entgegen.

Die Massenhinrichtungen setzten Ende 1940 oder anfangs 1941 ein. Der Arresthof genügte jetzt nicht mehr, man verlegte die Blutarbeit auf die Schießstätte der SS, knapp neben dem Lager und machte keine großen Geheimnisse mehr. Die im Lager eingerichtete und von Häft- lingen bediente Wäscherei hatte für jede Exekution zwei Kübel heißen Wassers, Seife, Schürzen, Wollhandschuhe und Handtücher bereitzu- stellen. Kam der entsprechende Auftrag, so wußte das ganze Lager, daß am nächsten Morgen eine Hinrichtung stattfinden wird. Die auf- gezählten Gegenstände wurden von den als Scharfrichter fungierenden SS -Leuten benötigt, damit sie sich beim Wegschaffen der blutenden Leichen nicht beschmutzten und damit sie sich nach vollbrachter Arbeit an Ort und Stelle reinigen konnten.

Die Opfer wurden manchmal unmittelbar aus München herangeführt, manchmal nächtigten sie in Dachau in einer ausgeräumten Maschinen- halle. Am frühen Morgen wurden sie auf große, gedeckte Lastwagen verladen und auf die Schießstätte geführt. Manchmal genügte ein sol- ches Auto, manchmal sah man deren drei bis vier.

Von den Szenen, die sich auf der Schießstätte abspielten, habe ich wohl oft erzählen gehört, aber ich habe keine mitangesehen. Immerhin kann ich verläßlich aussagen, daß die Todesopfer splittergackt ausgezogen und in dieser Verfassung füsiliert wurden. Die Wäsche und die Kleider der Toten kamen nämlich unversehrt und ohne Blutspuren in das Lager zurück, wurden dort gereinigt, sortiert und für eine neue Ver- wendung bereitgelegt. Die Kleider waren teils Zivilanzüge, teils Uni- formen, vereinzelt auch Frauenkleider. Von den Uniformen mußten eiligst alle Hoheitszeichen entfernt werden, doch konnten jugoslawische und belgische Uniformen von den Häftlingen einwandfrei agnosziert werden.

Auf der Schießstätte wurden die Leichen von SS -Unteroffizieren auf offene Holzkarren geworfen, zum Verbrennungsofen geführt und dort aufgestapelt. Diese Anlage war bald nach Kriegsbeginn wesentlich er- weitert und modernisiert worden und wurde von jüdischen Häftlingen bedient, die in besonderen Arrestzellen untergebracht waren, verhält- nismäßig gut genährt und behandelt, nach einer gewissen Zeit aber selbst verbrannt und durch andere ersetzt wurden. Die Verbrennungs- anlage war trotz der vielen Erfahrungen, die im Dritten Reich gerade

64