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Nacht über Deutschland : Erinnerungen an Dachau ; ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Dritten Reiches ; aus dem literarischen Nachlaß / von Walter Adam
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und hieb auf seine Mitgefangenen ein, wenn sie nicht schnell genug im Kreis marschierten. Etwa halbstündig wurdeHinlegen! Rollen! kommandiert. Dann mußten die Verurteilten durch den Morast durch- rollen, so daß sie buchstäblich vom Scheitel bis zur Sohle mit Kot beschmiert waren. Kleinigkeiten genügten, um zu dieser Qual ver- dammt zu werden. So weiß ich Leidensgefährten, die tagelang auf der Scheibe marschierten, weil sie zur Arbeit bei strengster Kälte die Fäustlinge angezogen hatten. Ich mußte nur eine Stunde lang auf der Scheibe gehen, und zwar wie der SS -Unteroffizier bemerkte zur Warnung für die anderen aus Dachau nach Flossenbürg versetzten Gefangenen. In dieser einen Stunde habe ich begriffen, warum es sich so oft ereignete, daß Häftlinge von derScheibe weg über die Posten- kette liefen, um erschossen zu werden.

Eine andere Massenstrafe, die ich in Flossenbürg mitmachte, erlebte ich im Jänner 1940. Der Lagerälteste, ein besonderer Vertrauensmann der SS, von Beruf ein berüchtigter Zuhälter aus Stuttgart , war mit einigen Spießgesellen spät abends in meine Baracke eingedrungen und hatte eine Anzahl Häftlinge ohne jeden Grund schwer mißhandelt. Einer von diesen, der dabei verletzt worden war, äußerte nach dem Überfall die Absicht, am nächsten Tage zum Arzt zu gehen und eine Anzeige tzu erstatten, was die übrigen Häftlinge der Stube zustimmend zur Kennt- nis nahmen. Der Lagerälteste erfuhr davon und erstattete eine Anzeige wegenMeuterei. In der Mittagspause wurden wir alarmiert, so eilig, daß viele nicht mehr Zeit fanden, Schuhe anzuziehen. Und nun mußten wir bei zwanzig Grad Kälte und scharf vereistem Boden eine Stunde langstrafexerzieren. Dieses Exerzieren bestand in einem Dauerlauf, unterbrochen durchHinlegen! Rollen!. Wie ein Gespensterzug wankte nach einer Stunde die bestrafte Abteilung mehr als 300 Mann

_ in die Baracke zurück, schweißüberströmt, dabei mit Erfrierungen an.

Fingern und Zehen, auch mannigfachen Verletzungen. Ich selbst hatte mir an dem scharfkantigen Eis das rechte Handgelenk aufgeschnitten und mich ganz mit Blut besudelt.

Diese Beispiele wollen das Terrorregime der SS keineswegs erschöpfend schildern, sondern nur andeuten. Jeder Häftling, der längere Zeit im Lager gelebt hat, kann ähnliche und andere Dinge berichten. Die un - glaublichen Roheitsakte, die in den Gründungsjahren der Lager, etwa von 1933 bis 1935, verübt wurden, kenne ich nur aus den Berichten älterer Häftlinge, die sich wohl! selbst zu Wort melden werden.

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