reren Fällen den Besuch von Frontsoldaten. Die meisten Gefangenen haben während der ganzen, oft vieljährigen Dauer ihrer Haft ihre nächsten Verwandten nicht ein einziges Mal sehen dürfen. Als ich im November 1940 für einen Monat in das Gefängnis des Landesgerichtes in Wien überstellt war, erhielten zwei Familienmitglieder die Erlaubnis, je fünf Minuten mit mir zu sprechen. Diese Erlaubnis mußte von Wien im Wege über Dachau beim Reichssicherheitshauptamt in Berlin eingeholt werden! Ein junger Gestapobeamter von dreistem Benehmen war bei diesen Besuchen zugegen, stand auf einen Schritt vor mir und kontrollierte jedes Wort.
Monatlich durfte der Gefangene zwei Briefe schreiben und zwei empfangen. Diese Briefe mußten stets an eine und dieselbe Adresse gerichtet sein, waren auf 45 Zeilen beschränkt und einer strengen Zensur unterworfen. Die Zensur übte ein Unterofffzier aus. Wenn ihm ein Brief nicht paßte, warf er ihn weg oder zerschnitt ihn. Jedwede Mitteilung über das Lager, über die Arbeiten und über das Tun und Treiben des Schreibers überhaupt war verboten, auch über sein Befinden durfte er nur berichten, daß es gut sei. So konnten meine Angehörigen von meiner Erkrankung an Typhus erst nach längerer Zeit und auf Umwegen erfahren, von meiner Erkrankung an Ruhr im Jahre 1939 erst nach meiner Entlassung im Jahre 1943.
Genug dieser Bilder aus dem Dachauer Alltag. Man wird begreifen, daß viele Häftlinge mit langer Zuchthauserfahrung immer wieder versicherten: Lieber drei Jahre Zuchthaus unter der früheren Regierung als ein Jahr Lager. Aus eigenster Erfahrung kann ich hinzufügen, daß ich während meiner Haft einen längeren Aufenthalt im Gestapogefängnis zu München und 1940 eine einmonatige Einzelhaft im Wiener Landesgericht fast wie eine Erholung empfunden habe.
In der ersten Zeit nach der Einlieferung in das Lager glaubt man, in einem wüsten Traum befangen zu sein, aus dem man bald erwachen werde. Dann kommt die Gewöhnung. Erlebnisse, die einem noch vor wenigen Monaten grotesk, unmöglich, undenkbar erschienen wären, werden alltäglich und kaum mehr registriert. Die Welt draußen wird trotz aller Sehnsucht und allen Heimwehs immer ferner und unwirklicher. Der Blick geht über die Lagermauer und über
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