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Nacht über Deutschland : Erinnerungen an Dachau ; ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Dritten Reiches ; aus dem literarischen Nachlaß / von Walter Adam
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Grauer Alltag

Wenn von Konzentrationslagern die Rede ist, denkt man zunächst unwillkürlich an Mord, Totschlag und andere Gewalttaten, die hinter dem Stacheldraht zehntausendmal begangen wurden, an Verbrechen, die man aufzählen und genau schildern kann und deren Scheußlich­keit sogleich einleuchtet. Es waren aber keineswegs diese Verbrechen allein, die das Leben im Konzentrationslager zur Pein machten, son­dern nicht minder der Alltag mit seinen kleinen Schikanen, seinem Lärm, seinem Schmutz, seiner kalten Trostlosigkeit. Es gab viele Gefangene, die den brutalen Terror psychisch besser ertrugen als diesen Alltag.

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Der gerichtlich abgeurteilte Sträfling im Zuchthaus hatte vor dem Gefangenen im Konzentrationslager viel voraus: er wußte, wie lange seine Strafe dauern wird, und konnte daher rechnen und zählen, noch zwei Jahre, noch ein Jahr, noch soundso viele Tage Der Häftling im Lager erfuhr nie, ob er auf Monate, Jahre oder lebenslänglich verdammt ist. Mancher Gefangene, der uns vom Stand­punkt der nationalsozialistischen Partei schwer kompromittiert schien, wurde nach kurzer Frist entlassen, andere blieben aus unerfindlichen Gründen fünf Jahre, acht Jahre und länger. An dieser bestialischen Geheimtuerei, die den Zweck hatte, die Gefangenen seelisch zu zer­mürben, hat Himmlers Gestapo bis zum Ende festgehalten. Der Arbeitstag in Dachau begann mit Sonnenaufgang. Eine Stunde vorher, im Hochsommer um vier Uhr, manchmal sogar halb vier Uhr morgens, wurde geweckt. Augenblicklich fuhren die 90 Mann der Stube aus ihren in drei Stockwerken übereinander getürmten Betten. Wolken von Gestank durchzogen den Schlafraum, zugleich setzte ein unbändiger Lärm und hastig nervöses Getriebe ein, bei dem einer dem anderen im Weg stand. Binnen dreiviertel Stunden mußte der Häftling sein Bett tadellos gebaut" haben, tadellos nach den Begriffen preußischer Kasernhofidioten, sich waschen, ankleiden, das Frühstück ausfassen und einnehmen, das Geschirr waschen und an der Instandsetzung der Stuben mitarbeiten. War es soweit, dann wurden die Häftlinge bei jedem Wetter vor die Baracke gejagt, wo sic das Signal zum Antreten abzuwarten hatten. Oft war man durch­

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