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Nacht über Deutschland : Erinnerungen an Dachau ; ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Dritten Reiches ; aus dem literarischen Nachlaß / von Walter Adam
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Beurteilung der Leute nach ihrer Stammeszugehörigkeit. Was die Bayern betrifft, so drängte sich den Gefangenen sehr bald die Er- kenntnis auf, daß die vielberufene bayrische Grobheit keineswegs nur die rauhe Schale eines guten Kerns bedeutet, sondern auch mit Grausamkeit verbunden sein kann. Der roheste, von den Gefangenen am meisten gefürchtete Lagerführer war ein Bayer; er war ein hemmungsloser Trunkenbold, was aber weder seinem Offiziersrang, noch seiner Stellung schadete.

Die Gefangenen mußten jedem SS-Mann, auch dem jüngsten Rekru- ten, respektvolle Ehrenbezeigungen erweisen. So durften sie nur mit abgezogener Mütze und in strammer Haltung an SS -Männern vor- übergehen, während eines Gespräches mit ihnen mußten sie stramm stehen und die Mütze in der Hand halten, auch bei strengster Kälte oder strömendem Regen. Vergaß ein Gefangener auf das Abziehen der Mütze oder zog sie nicht rasch genug, so durfte er mit ein paar Ohrfeigen rechnen. Wenn ein SS-Mann eine Häftlingsstube betrat, wurdeAchtung kommandiert; die Gefangenen hatten von den Sitzen aufzuspringen, stramme Haltung anzunehmen und weitere Befehle abzuwarten. Wenn das nicht klappte, kommandierte der SS-Mann das beliebte:Hinlegen! Auf! Hinlegen!, oft zwanzigmal hintereinander.

Jede Beschimpfung und jede Mißhandlung von Häftlingen war den SS -Unteroffizieren gestattet, es gab praktisch nicht das geringste Be- schwerderecht. Wollte man alle die großen und kleinen Quälereien aufzählen, die solcherart täglich an einzelnen Gefangenen oder an ganzen Abteilungen verübt wurden, käme eine endlose Liste zustande. Es gab berühmte Ohrfeigenausteiler, die sich der Kunst rühmten, einen Gefangenen mit einer einzigen Ohrfeige umzulegen. Ein be- liebter Scherz war es, Häftlinge von rückwärts mit dem Fahrrad niederzufahren. Der Oberscharführer und spätere SS -Offizier Lütge- maier, einer der wenigen Preußen im Lager, liebte es, Häftlinge in das Revier zu rufen, um ihnen dort eine starke Dosis Rhizinusöl ein- zugeben oder ihnen von einem anderen Häftling einen gesunden Zahn reißen zu lassen. Ein österreichischer General, Träger hoher Tapfer- keitsauszeichnungen aus dem ersten Weltkrieg, mußte auf Befehl eines jungen SS-Buben vor hundert anderen Häftlingen auf einen Tisch steigen und dort Lieder singen. Ein anderer hoher Offizier wurde vor dem angetretenen Block mit dem Ausdrucke:Ver-

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