Posten bei der Kupeetür endlich die Erlaubnis erteilt, das Klosett auf- zusuchen, dann muß der Häftling die Postenreihe auf dem Korridor passieren und kann daher nur getreten und geohrfeigt sein Ziel er- reichen.
Ist es nicht kleinlich, nach sieben Jahren ungeheuren Weltgeschehens über so geringfügige Szenen zu berichten? Ich glaube nicht. Die Männer, die mit wehrlosen Gefangenen ihren rohen Spaß getrieben oder mit Beifallsgejohle begleitet haben, waren die vornehmste Stütze „Großdeutschlands“, die Garde des Führers und der Stolz der NSDAP . Man soll sie auch in ihren kleinen Lebensäußerungen genau kennen, um die kulturelle Höhe des Dritten Reiches richtig einzuschätzen. Hinter Salzburg flaute die Stimmung der SS -Männer ein wenig ab. Angetrunken oder infolge der Nachtwache übermüdet, wollten sie ein wenig schlummern, um, dann die bevorstehenden Veranstaltungen in Dachau besser genießen zu können.
In München gab es langen Aufenthalt. Es bestand ganz gewiß nicht die Gefahr, daß die 120 oder 130 österreichischen Herren die Haupt- stadt der Bewegung stürmen könnten, aber für alle Fälle hatte man doch eine Kompanie der Münchner Waffen-SS mit Maschinengewehren auf den Bahnhof beordert. Die SS -Männer der Eskorte aber wurden als heimkehrende Sieger begrüßt.
Am 2. April 1938, um ı0 Uhr vormittag, kam der Transport endlich in Dachau an. Auf dem Bahnhof erwartete uns eine Abteilung der Totenkopf-SS mit einem Stab höherer Offiziere, darunter der Lager- kommandant in Person. Einige Lastautos mit improvisierten Sitz- bänken standen neben den Geleisen. Den Einsatz frischer, ausgeruhter SS -Reserven bekamen wir sogleich zu spüren. Wer nicht blitzschnell aus dem Waggon herauskam und auf ein Lastauto aufsprang, hatte einen Faustschlag im Genick oder einen Kolbenstoß in den Rippen. Mit Miene und Gesten eines Triumphators bestieg dann der Lager- kommandant seinen Wagen, um den Zug der gefangenen Österreicher persönlich anzuführen. Wenige Minuten später schloß sich das Lager- haupttor hinter unserem Transport.
Das war die Reise von Wien nach Dachau . Einige Wochen lang meinten wir, daß es kaum möglich sei, noch unbequemer und unge- mütlicher zu reisen. Später mußten wir diese Meinung korrigieren.
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