Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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ZWÖLF UHR

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bis sie es durch lebensgefährliche Kunstgriffe dahin brach­ten, daß man ihnen aufnötigte, was sie selbst im Herzens­grund so gern gehabt hätten! Und dann, kaum, daß sie es haben, beginnt eine Kette von Leiden. Nach kurzem hört man sie seufzen und stöhnen unter der Bürde, die ihnen ihr Amt auferlegt, über die Opfer an Schlaf, Be­quemlichkeit und Freiheit, die es täglich und nächtlich von ihnen heischt, und überhaupt... Jedermann muß Mitleid mit den geplagten Chamals der Verantwortung haben. Und doch wären sie die traurigsten Menschen, wenn man sie beim Wort und die schwere Last von ihren Schultern nähme. Da ginge ihr Unglück erst an.

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27. Mai 1945. Morgen ziehen die Belgier und Holländer vollends ab.. Die Franzosen fliegen fort; es heißt, daß die französische Regierung ihre verlorenen Schäflein nicht schnell genug bei sich haben könne und sie mit Flugzeugen heimhole. Wann kommen wir Deutschen dran? Die Ungeduld wächst. Es gibt Talente unter uns, die brennen darauf, möglichst rasch nach Hause zu kommen, weil sie heilig davon überzeugt sind, daß die Heimat nach ihnen ruft und ihnen Ehren­posten bereit hält, die niemand ausfüllen kann als sie. Käufer wird es unter einem Ministerposten kaum tun; bei seiner anormal großen politischen Begabung hätte er alles An­recht auf das Amt eines Präsidenten. Schade um jede Minute, die die Bannerträger der Zukunft hinter dem Stacheldraht vertrödeln.

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Montag, 28. Mai 1945.

,, Bist du's oder bist du's nicht?" fragte mich Windgasse, der Evangelist, als ich diesen Morgen über den Rasenplatz wankte ,,, du siehst ja aus wie dein eigen Gespenst, so grau­grün und durchsichtig!" Ja, es hat mich gründlich gepackt. Wer oder was? ist mir selbst ein Rätsel. Der ganze Leib schmerzt mich, allem voran der Hals so, als ob ihn eine