ZWÖLF UHR
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unüberwindliche Abneigung gegen sie von Anfang an, und sie ist mir durch sechs Jahre hindurch treu geblieben. Immerhin hatte ich mehr Glück als Verstand; obwohl ich mich nur mäßig bemühte, erbte ich zu einer sehenswerten schwarzen Jacke ein Paar gestreifte Hosen, die zu ihr und zu mir ganz leidlich passen: andre waren vom Erbschicksal weniger begünstigt, so der Herr Domkapitular, von dessen Kammgarnhose sich im Lichte des Pfingstmorgens herausstellte, daß sie vollkommen von Motten zerfressen war.
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Rackwitz, der Bescheidene, taucht in Hosen auf, die mei-. nen ehemaligen Eisenbahnern ähnlich sehen wie ein Ei dem andern. Sollten sie es gar selber sein? Er hätte auf etwas Besseres Anspruch gehabt, er, der Tag und Nacht an der Schreibmaschine sitzt und die amerikanischen Fragebogen bearbeitet, die eilends fertiggestellt werden sollen. Bevor sie nämlich alle von A bis Z beantwortet sind, dürfen wir nicht weg, hat uns Burckhardt im Auftrage des Kommandanten feierlich erklärt.
Und erst der Knabe Hiob ! Er hat es wahrlich nicht verdient, daß er immer unter den Schlitten kommt. Aber es scheint, als ob die Bullen auch in der neuen Zeit.den gleichen Trieb an den Tag legen, die Schwachen und Buckligen auszunützen, um sie dann wegzuwerfen wie ausgepreßte Zitronen, weil sie ihre Wehrlosigkeit kennen. Kaum war er hier, der Knabe Hiob, als der Tanz wieder von neuem losging. Nur unwillig gönnten sie ihm einen Strohsack, aber das hielt ihn nicht ab, sich zum Kübeltragen zu melden. Und so hielt er denn seine paar Knöchelchen über Gebühr in Atem, schleppte auch die Säcke mit herbei, die die Erbschaft enthielten, welche zur Verteilung kam. Zum Dank lassen sie ihn herumlaufen wie einen Harlekin: in ein paar Hiasl- Hosen stecken seine Hiobsbeinchen, daß einen fröstelt, sieht man sie bei unfreundlichem Dachauer Himmel. Er klagt auch Stein und Bein über die Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren, doch
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