274 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
und Fülle! Umschläge entquellen haufenweise aufgebroche- nen Schachteln, herrliche Briefblocks warten ungeduldig darauf, daß du dich ihrer annimmst, ehe sie von Vandalen- füßen zertreten werden; also flink, nur flink! Schon liegen, den Leibern Erschlagener gleich, Tausende von Bleistiften zertreten mit aufgespaltenem Eingeweide auf dem wirt- schaftlichen Schlachtfelde.
Eines ist sonderbar: etwas wirklich Praktisches, was du unmittelbar brauchen könntest, suchst du vergeblich, etwa eine Rasierklinge oder ein Taschenmesser, ein Handspiege- lein oder einen Kamm. Das sind für uns Kulturgüter von unvorstellbarem Wert: Kamm und Spiegel! Das wichtigste Kennzeichen der wiedererlangten Freiheit ist es ja, daß dir die Haare wieder wachsen dürfen so lange sie wollen. Indessen jedermann weiß: um sie im Zaum zu halten, braucht es des wichtigen Werkzeuges der Kulturmenschheit, des Kammes, wollen wir nicht, wie ich es einst bei Zigeu- nern gesehen, mit geringem Erfolg uns des fünfzähnigen Rechens unserer Rechten bedienen.
Pfingstfest 1945.
Zum ersten Male seit 70 Monaten trage ich bürgerliche Kleidung; wirklich, ohne roten Krawattenersatz, ohne Nummern und Andreaskreuz und sonstige hitlerische Schnörkel. Aber in den Kelch fiel ein Tropfen Wermut. Es sind nicht meine eigenen Kleider; auf die hatte ich mich umsonst so gefreut, den weichen Velourhut, die schwarze Samtjacke, die blauen Kammgarnhosen und die braunen „Schühlich“.’s ist mir alles verbrannt an jenem Samstag-
morgen, als eine Brandbombe den Schubraum in Asche
legte. So müssen wir uns damit begnügen, was von Ver- storbenen oder Umgebrachten hinterlassen war. Abgelegte Kleider! Fängt so die Freiheit an? Nichts ist mir widerlicher! Mögen sie noch so elegant sein, ich mag sie nicht. Ich hatte eine
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