Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF

Rücken strömte. Er bog nun den Draht zu einem Kranz um, nachdem er das Verhör weiter führte:

وو

, Wanden sie ihm nicht auch eine Dornenkrone ums Haupt?" ,, Ja."

,, So kriegst auch du einen schönen Kranz!"

Mit dieser Hohnrede drückte der vom Christenhaẞ Ver­blendete ihm den Stacheldraht auf den Kopf, daß das Blut heraussprang und die Stirn blutig färbte. Es wurde nicht berichtet, wie der Priester dies Martyrium überstand. So­viel ist indes sicher, daß er in seinem stillen Dulden eine eindringlichere Karfreitagsrede hielt, als er es mit lauter Stimme hätte tun können. Oder wirft nicht diese düstere Stunde, da die Sonne ihren Schein verlor, ein helles Licht auf den dunklen Sinn unseres Lagerschicksals, ja, das Lei­den der Christen überhaupt? Warum waren wir hier, warum mußten viele sterben? Weil wir mit Christus leben, dürfen wir mit Christus leiden, bluten, sterben. Sein Ge­schick ist das unsere, unsere Leiden sind die seinigen, denn wir sind ,, ein Geist mit ihm".

Pfarrer Rieser berichtete, er habe mit eigenen Augen ge­sehen, wie ein lebender Häftling in die Betonmaschine hineingestoßen und mit dem Zement zermahlen worden sei.

Freitag, 17. Mai 1945.

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jeden Tag

Wir leben im Zeitalter der Entdeckungen eine neue. Und zwar sind es Verstecke, die wir zu entdecken fortfahren. Vorgestern gerieten sie hinter das Bekleidungs­lager und hatten es fast leer geschleppt, ehe Uncle Sam noch recht dahinter gekommen war. Er scheint ein gewisses Beuterecht den Nutznießern seines Sieges zuzuerkennen, denn er verlangte zwar die Ablieferung der eroberten Tuch­kolosse, bestand aber nicht darauf, sein Fetwah auch durch­zusetzen. Gestern früh waren es Zigeuner , deren findige