Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
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ZWÖLF UHR

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gestickten Seidengewändern die Messe lasen und Kommu­nion austeilten, um die beiden an Haupt- und Seitenaltären Amtierenden zu unterstützen. Die Aufspaltung in Nationen hat diese Hochflut von Gottesdiensten mit sich gebracht. Man kann sich ja nur darüber freuen, daß die unablässige Bedrohung derer, die sich den Glauben nicht nehmen ließen, aufgehört hat.- ,, Bitte die Kapelle zu verlassen", mahnt die Stimme des Sigristen: ,, Protestantischer Gottesdienst!" Und Thurmann, der verzweifeln wollte, kommt nun auch an die Reihe.

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Wollen sie uns denn als Weihnachtsgänse mästen? Fast scheint es so, wenn wir den täglichen Speisezettel studieren, der jedermann zugänglich zwischen den Pappeln ange­schlagen ist, und der von früh bis spät umlagert ist von solchen, die gerne zum voraus im klaren sind über die Genüsse, die in der nahen Zukunft auf sie warten. Neben­bei wird es mit Genugtuung aufgenommen, daß wir eine Regierung über uns haben, die uns für voll nimmt und es nicht für unter ihrer Würde hält, in der Öffentlichkeit, und wäre es auch nur die des Lagers, Rechenschaft abzulegen über ihr Tun und Lassen. Wir werden als Menschen ge­achtet und betrachtet, denen gegenüber Verantwortlichkeit empfunden wird das stärkt und fördert den Blutumlauf des eingeschlafenen Selbstbewußtseins wie eine Massage von kräftiger Hand.

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Freitag, 11. Mai 1945, in der Morgenfrühe. Köstliches Gefühl, diesen Blutstrom der Freiheit durch die Adern rinnen zu spüren! Auf alle mögliche Weise ver­schafft er sich Ausdruck; denn viele müssen es sozusagen sich und andern beweisen, daß sie wirklich und wahrhaftig frei sind. Allem Herkömmlichen wird ein Schnippchen ge­schlagen, auf daß keiner über den Tatbestand im unklaren

Fünf Minuten vor Zwölf 17