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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF
steht unsere neue Lagerregierung. Ein Radio speit alle Augenblicke Nachrichten in Deutsch und Englisch unter die Menge der Aufhorchenden, abwechselnd mit angenehmer Musik. Das läßt sich hören! So allmählich fühlen wir uns wieder als Menschen, als gleichberechtigt mit den andern, während uns in langen Jahren das Gefühl der Wertlosigkeit und des Ausgestoßenseins beigebracht wurde und wir uns in die Rolle von Parias hineingedrängt sahen, bis wir selbst glaubten, daß wir es seien.
Die voreilig angekündigte Hinrichtung des ehemaligen Rapportführers Böttcher hat immer noch nicht stattgefunden. Man will ihn noch weiter zum ,, Reden bringen". Schon soll er 80 Genickschüsse zugegeben haben, die er russischen Offizieren beibrachte. Seine Morde an russischen Soldaten sollen in die Hunderte gehen. Hinter der Fassade eines Biedermannes, den er seinerzeit in der Poststelle spielte, welch ein Abgrund!
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Böttchers Geständnisse lassen ein Licht fallen auf das Schicksal der russischen Kriegsgefangenen, die vor mehreren Jahren( 1941/1942) hier eingeliefert wurden. Sie bestätigen unsere bangen Ahnungen und die schlimmen Gerüchte, die damals unter uns umgingen, und die den Tag und Nacht rauchenden Schlot des Krematoriums mit ihrem Ende in Verbindung bringen wollten. Im Sommer 1942 war es auch, daß immer wieder der Ruf ertönte: ,, Besuch kommt!" Dann durfte sich kein Häftling mehr auf den Stuben sehen lassen; wer zufällig als schonungsbedürftig oder aus sonst einem Grunde da war, hatte zu verschwinden; sie wurden alle, die Überflüssigen, in einem bestimmten Block zusammengepfercht, wo sie, auf dem Boden hockend, einander auf die Hühneraugen stießen und sich sonst das Leben schwer machten. Dieser Zustand dauerte immer mehrere Stunden lang. Ein Besuch zeigte sich selten, dagegen hörten wir regelmäßig Schüsse knallen, und zwar aus der Richtung des


