Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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ZWÖLF UHR

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ehesten glaubten erfahren zu können, bis zu welchem Grad das Gefühl bereits abgestorben oder im Wiederkehren be­griffen sei. Solcher Art waren die wissenschaftlichen Ver­suche der Herren Experimentatoren, welchen zum Lohn für ihre Bemühungen hohe hitleristische Titel wie Obersturm­bannführer oder Obergruppenführer verliehen wurden.

Der Domkapitular von Aachen antwortete mir auf meine Frage, was man von dem ,, Vernichtungstransport" eigent­lich Zuverlässiges wisse? ,, Zuverlässiges gar nichts, vorläufig ist alles Gerücht", erwiderte er. Dagegen schnappte ich von anderer Seite auf, daß ein Jesuitenpater, der neulich ent­lassen worden sei, und der von dem Zug der Unglücklichen gehört habe, den Häftlingen mit seinem Auto nachgefahren sei und sie mit Brot und Zivilkleidern versehen habe. Den meisten Pfarrern sei es gelungen, die Flucht zu ergreifen, eine Nachricht, von der man nur wünschen kann, daß sie der Wahrheit nahekomme, so legendär sie auch klingen mag. Der Hunger läßt nach; das Magenknurren hört in dem Maße auf, wie sich das Magendrücken einstellt, hervor­gerufen durch den übergroßen Appetit, mit dem wir dem uns reichlich zugemessenen fetten Essen zusprechen: vorgestern eine halbe Fleischbüchse, heute morgen eine Achteldose Blut­wurst, zum Mittagessen schmackhaftes Essen. Der neue Herr Kommandant läßt sich gut an. Nun, es ist nicht schwer, Leute, die so wenig verwöhnt sind wie Dachauer ehe­malige! Häftlinge, zufriedenzustellen.

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Später.

Janek kam heute ganz verstört von einem Gang zurück; er sagt, was er dabei geschaut, werde er sein Lebtag nie wieder vergessen. Er hatte Tannenreiser geholt zur Schmückung des Riesenaltars, und der Rückweg führte ihn an einem Zuge vorüber, dessen endlos scheinenden Wagen ein furchtbarer Gestank entströmte. Die Türen waren zum Teil zurück­