Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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ZWÖLF UHR

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ist, wenn man ihm nur einen Futtertrog für den Magen und einen Stern am Kragen verspricht.

Abends.

Endlich kann ich doch ohne Heimlichkeiten und ohne das hebräische ABC zu Hilfe zu nehmen, meine Eintra­gungen machen. Ich war sogar dazu übergegangen, durch jeden Eintrag einen kräftigen Strich zu ziehen, um ja den Eindruck zu erwecken, es handle sich um etwas Abgetanes, Unwichtiges, Erledigtes.

Windgasse, der Evangelist, berichtet mir, daß die Leichen der getöteten SS- Posten beim westlichen Wachtturm noch unbestattet umherlägen. Ich entschloß mich, hinzugehen und mich persönlich von der Richtigkeit der Mitteilung zu über­zeugen. Es stimmte. Da lagen sie noch in den Uniformen, die nun schon einem vergangenen Zeitalter angehören. Arme Verführte! Auch um euch weinen sich zwei Augen­paare wund! Die eigentlichen Schuldigen seid ihr nicht, die haben sich aus dem Staub gemacht.

Schnee am ersten Mai!

1. Mai 1945, früh.

Fahnen am ersten Mai! Auf dem großen Platz Flaggen in allen Farben mit und ohne Aufdrucke. Auf rote und weiße Riesentücher werden in Riesenbuchstaben Riesen­sprüche gemalt.

Am Vormittag.

,, Welch eine Wendung durch Gottes Fügung!" Man kennt. das Lager nicht wieder, weder nach innen noch nach außen. Aus den Gefangenen sind Freie geworden. Auf dem großen Platz wehen Fahnen vieler Völker, statt des Appells An­sprachen in 15 Zungen; vom Englischen des neuen Komman­danten bis zum Slowenischen des einfachen Balkanbauern. Woher sie nur den Stoff für all die Banner, Flaggen, Wimpel und Spruchtücher bezogen haben? Der Legionär macht sich Kopfzerbrechen über diese schwierige Frage. N.,