Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
201
Einzelbild herunterladen

DER VERNICHTUNGSTRANSPORT

201

kenbreis aufschreckt. Ich erfreue mich jener idealen Nicht­beachtung, die so förderlich ist für das stille Nachdenken und den Fortschritt geistiger Arbeit. Sie scheinen kein Auge mehr für den Fremdkörper zu haben, der sich hier breit macht, oder keine Lust, ihn zu entfernen. Ist dies der Schatten, den das große Ereignis in die Gegenwart voraus­wirft, und der eine so lagerwidrige Erscheinung wie die meinige mit milder Duldung zudeckt? Seit heute mittag haben die Gestreiften das Heft in der Hand, die Leitung ist gänzlich an sie übergegangen. Das mag versöhnend wirken und ausgleichend. Inzwischen äuge ich, daß dies festgestellt sei, zuviel nach der Türe der Breiküche, ob nicht mein Wohl­täter erscheine und mich wie in alten Zeiten mit einer Kost­probe erquicke; eine Hoffnung, deren Verwirklichung bei dem mageren Stande der Dinge nicht viel Aussicht auf Ver­wirklichung hat. Es ist ja kaum 24 Stunden her, daß mich der Wackere auf ein Wurstrad von bemerkenswertem Um­fang gesetzt hat.

-

Ich bin so froh, daß die Pastoren wieder zurückgekehrt sind; und das auch aus sehr selbstischen Gründen. Ich merkte erst jetzt, wieviel ich dem Märtyrerblock verdanke an Aufrichtung, oft nur unbewußt, aber desto wirksamer. Die Einsamkeit wäre eine große Last für mich gewesen, die Einsamkeit mitten im Gewühl der ,, Vielzuvielen".

-

-

Es hat doch eine eigenartige Bewandtnis mit den christ­lichen Theologen. Sie sind Sünder wie andre auch, das ist wahr und wird auch im Märtyrerblock nicht widerlegt; sie sind die letzten, die es leugneten. Aber trotzdem oder gerade deswegen? umwittert sie ein Hauch so hoher Menschlichkeit, daß man geneigt ist, sie als eine besonders liebenswerte Abart des homo sapiens anzusehen. Die Nüch­ternheit und Unbestechlichkeit ihres Urteils, die ihnen den Haß der Herrenmenschen eingetragen hat, welche nur ur­teilslose Herdenmenschen brauchen können; die Milde ihres