Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

eingesetzt hat, weniger über Hunger zu klagen habe als je zuvor. ,, Mein Vater siehet tausend Wege, wo die Ver­nunft nicht einen weiß." Schöpfte mir doch heute Wegener, der Warschauer Vikar, unter dem Laubhüttendach aus einer umfangreichen Schüssel einen Brei aus Haferflocken heraus, eine Art Pudding. Der schmeckte so gut, wie mir nur je einer gemundet hat in meinem an Puddinggenüssen ziemlich reichen Leben.

Sonst muß der geistige Aufstrich herhalten, das Ragout der russischen Deklinationen und die spanische Konjuga­tionsmarmelade. Die Sammlung, die für solche Genüsse nötig, will freilich mitunter versagen. Die allgemeine Ner­vosität schlägt über den Nachen und füllt auch mein Boot mit dem Gischt innerster Erschütterung.

Die Armbinden mit dem Aufdruck ,, H.P."( Hilfspolizei) vermehren sich wie die Karnickel und erfüllen die Seele ihrer Träger mit einem amtlichen Bewußtsein von Würde, das sich auf ihrem Antlitz widerspiegelt. Immer mehr Arme sieht man durch sie in Ellenbogen der Obrigkeit verwandelt. Sie scheinen zugleich den Inhabern als Amulett einen Schutz gegen den bösen Blick der unangenehmen Überraschungen zu gewähren. Ich möchte indes nicht untersuchen, wieviele in einer verschwiegenen Ecke selbst geschneidert und ohne lange Rückfragen bei hoher und höchster Stelle über den Ärmel gestreift worden sind. Wer wagt, gewinnt! Auch der Hubersepp tritt neuestens mit einem solchen Zauberring auf. Als ich aber die überflüssige Frage an ihn richtete, ob und wie ich mich auch mit einem solchen Amtsstempel unter die Offiziösen aufnehmen lassen solle, winkt er schon von wei­tem ab. Natürlich, denn: Quod licet Jovi, non licet bovi."*)

So sitze ich denn wieder einmal im langen Wandelgang des Reviers, lese, schreibe und wundere mich wiederum, daß mich keiner der gestreiften Nutznießer des süßen Kran­*) ,, Was erlaubt ist dem Jupiter, ist nicht auch erlaubt dem Ochsen."