Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
185
Einzelbild herunterladen

DER VERNICHTUNGSTRANSPORT

185

führer erklärt haben, dann müßten sie eben mit den andern. Warum wüßten sie sich so wenig zu helfen? Wenn's nicht wahr, so ist's gut erfunden und für die Haltung unsrer Zwingherren bezeichnend; dem Gesetz, nachdem sie ange­treten, bleiben sie treu bis zur letzten Stunde.

Am Abend.

Mir waren wieder. Zweifel gekommen, ob's wirklich eine Minute vor zwölf Uhr wäre? Allein Swida, der polnische Journalist, einer von den Echten, beruhigte mich. Noch in dieser Nacht, sagte er im überlegenen Ton des wohlunter­richteten Zeitungsmannes, noch in dieser Nacht rücke die SS ab. Das sei absolut sicher, er wisse genauestens Bescheid.

Morgens( 27. April 1945).

Auf diesem Kissen wäre gut schlafen gewesen, wenn wir nicht schon gegen 9 Uhr wieder aufgeschreckt worden wä­ren durch die garstige Einladung: ,, Bereit sein zum Appell!" Im Hof sollte dieser noch eine Stunde später stattfinden. Was war das nun wieder? Wir erhoben uns denn wider­willig und warfen uns in die Mäntel, waren jedoch nicht über den Gang hinaus, als die ersten bereits zurückkehrten mit der Nachricht, die Anordnung sei zurückgenommen worden. Zwischen halb neun und zehn Uhr waren die zum Abtransport bestimmten Reichsdeutschen durchs Tor ab­marschiert; es mochten 8000 Mann gewesen sein. Vielleicht hing der blinde Alarm damit zusammen, daß daran gedacht war, nun auch alle übrigen folgen zu lassen, daß man aber zum Glück für uns wieder davon abkam. Wie mag es den Kumpels ergehen? Was hat man mit ihnen vor? Jeder von uns ist froh, dem Troß entronnen zu sein, denn ein Vogel in der Hand ist besser als zehn auf dem Dach. Es ist immerhin eine Galgenfrist: vielleicht, vielleicht...

Auf keinen Fall ist die SS noch als Obrigkeit anzusehen, nach deren Befehlen wir uns zu richten hätten, sondern als