Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

aus dem ,, Porzellan", hatten sich zu dem großen Haufen geschlagen; es mochten so gegen 80 bis 90 Pfarrer drunter gewesen sein. Wir drückten uns bewegt die Hand. Werden wir uns je wiedersehen? Wie? Wann? Wo?

Unter der imponierenden Schirmherrschaft der Bohnen­stange gelang es uns, ohne aufgehalten zu werden, an der SS vorüber und durch die Gestreiften hindurch auf den Block zu kommen. Ungerupft und unangefochten das reine Wunder! Enttäuschung aber malte sich auf den Ge­sichtern in der Stube, als wir uns wieder einfanden. Seht, die guten Freunde, sie hatten es verstanden, zurück­zubleiben. Man muß nur den Papst zum Vetter haben! Ja, uns hätten sie gerne losgehabt! Nicht umsonst war von den Alten und Kranken nichts gesagt worden oder so hinter der Hand, daß nur die nächsten etwas hörten. Aber nun waren wir wieder da. ,, Wir sind über den Berg!" trium­phierte ich, war goldfroh und dankte Gott von Herzen für die Erhörung unserer stillen Bitten. Beim Knaben Hiob wollte keine rechte Freude zum Durchbruch kommen. Er ist mit seiner Kraft völlig am Ende und bat mich, was er sonst noch nie getan, bei den Hochwürden etwas Brot gegen Tabak einzuhandeln. Dies glückte nicht, und so nahm ich ein Drittel von dem meinen und tauschte es gegen einen halben Feinschnitt". Es war mein letztes Brot; aber ich wurde auch so satt.

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Etwas später.

Die Pfarrer des Transportes sollen entlassen worden sein, die andern Gruppen stehen marschbereit noch am Tor.

Nachher hörten wir folgende Version: Die Pfarrer bei­derlei Bekenntnisses sollen gefragt worden sein, wohin sie wollten? Sie seien frei. Als sich herausstellte, daß sie über der Antwort in Verlegenheit gerieten, weil keiner so recht wußte, was mit der Freiheit anfangen, da die meisten be­reits abgeschnitten waren von ihrer Heimat, soll der Lager­