176 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
Bügelfalten und sorgfältig gestickter Häftlingsnummer ge- bracht. Wir andern vom Plebs, wenn wir nicht ganz ver- lumpen wollen, müssen um jedes Stück einen erbitterten Krieg führen, denn auch hier machen Kleider Leute. Seit
ich mein Barett& la Staatsanwalt eingebüßt habe— es ist immer noch nicht aufgetaucht und wird es wohl auch nicht mehr tun— habe ich Pech mit meiner Kopfbedeckung. Die Kammer weigert sich, mit etwas Ordentlichem herauszu- rücken: Zebramützen sind um keinen Preis zu haben. Und der Rest ist Lumpenzeug. Alles mögliche drückten sie mir in die Stirn: sogar ein Priesterbarett, das ich sogleich, er- zürnt über den Unfug, herabriß. Sie sind mit allem ver- sehen, was jemals seit Christi Geburt den Laden eines Hut-
und Mützenmachers verlassen hat. Zuletzt, um nicht ganz unverrichteter Dinge wieder hinauszugehen, ließ ich mir einen Filz aufsetzen, gebleicht und ausgelaugt, als ob ihn ein Weltenbummler schon ıo Jahre lang in Regen und Sonnenschein getragen hätte. Auf dem Blocke ergriff ich die erste beste Schere und beschnitt die Halbkugel mit kühnen Fingern, um zu guter Letzt ein reizend Tellerlein in der Hand zu halten, das ich mir nach Art der Kardinäle — oder sagen wir bescheidener der Kapuziner— auf den Scheitel drückte an die Stelle, welche durch einen aller Welt bekannteri Vorgang eine Art natürlicher Tonsur aufwies. Der character'indelebilis muß immer wieder durchschim- mern, es ist merkwürdig! Indessen erfreute sich mein Haupt dieses Schmuckes nicht lange; nach 2 Tagen war er dem Richterbarett gefolgt, und ich stünde heute noch ohne ihn da, hätte sich nicht mein alter Freund, der polnische Vikar aus Warschau mit dem deutschen Namen Wegener, meiner Haare gebührend angenommen. Eine Mütze, wie ich sie noch nie getragen, nagelneu, elegant, übergab er mir mit einer Nonchalance, als ob es ein Nichts wäre: eine Sport- mütze— ein Nichts! Der ganze Block staunte, als ich zum


