174
FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
Auch Julius Schätzle haben wir nicht mehr gesehen. Nicolai, der Student der Medizin aus Kiew wo bleibst du, guter Freund? Haben dich vielleicht deine Landsleute schon aus Tyrannenhänden befreit? Und durftest du Wiedersehen feiern mit Vater, Mutter und Geschwistern? Möge dir in der Heimat die Wahrheit des Wortes aufgehen, das du von deinem Freunde mehr als einmal mit Verwunderung gehört haben magst:
,, Das Unglück ist mein Glück,
die Nacht mein Sonnenblick!"
Ohne Arbeit, das heißt ohne Brotzeit- dies ist die Kehrseite der Medaille. Viele müssen jetzt hungern. Indessen, das kostet die Freiheit, und den Preis bezahlen wir!
Horch! Dumpfes Gebrüll erschüttert die Luft, von Westen her brummt es: ,, Wir kommen bald, wir kommen bald!" Für die Gefangenen eine erwünschte Botschaft. Wer trägt die Verantwortung dafür, daß die Kinder des Landes die Feinde des Landes als ihre Retter herbeisehnen müssen? Wer trägt die Verantwortung dafür?
Nicht einmal Stubendienst brauche ich zu machen. Ich drängte mich nicht hinzu, froh darüber, daß mich niemand dingte. Sind nicht genügend Kräfte da, die jüngere Knochen haben, die gesund sind und vor allem solche, denen der zweimalige Nachschlag beim Essen eine heiß erstrebte Belohnung für freiwillige Dienste ist? Mir nicht. Meine Ungebundenheit schätze ich höher als einen vollen Magen, vor allem freue ich mich, ungestört meine Aufzeichnungen machen zu können. Vorsicht ist freilich jetzt mehr geboten als je, sie sind vorn gegen jede Notiz jetzt doppelt miẞtrauisch und jäten mit„ kämpferischer Härte" alles aus, was als Unkraut zwischen dem Weizen aufwachsen will.


