Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

die Tage der Entbehrung, die jetzt mehr als je über uns hereingebrochen sind, zum inneren Gewinn werden. Das kann er geben, bei dem alle Dinge möglich sind. So darf die Zunge, die sich schon spitzen wollte zum Fluch, am Ende bekennen:

,, Mein Unglück ist mein Glück, die Nacht mein Sonnenblick",

und die Hände, die sich gegen die Schickung des Ewigen ausrecken wollten, falten sich statt zum Fluche zum Gebet.

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Eine weitere Stelle finde ich in den Bekenntnissen des Unglücklichen, die wir alle nachzufühlen vermögen. Ich will sie ebenfalls hier wiedergeben. Sie lautet:

,, Wie es nunmehr für mich aussah! Ich weinte nicht, ich war zu müde. Bis zum Außersten gepeinigt saß ich da, ohne mir irgend etwas vorzunehmen, saß unbeweglich und hungerte. Die Brust war gewiß entzündet, es brannte so merkwürdig da drin. Auch das Spänekauen wollte nicht mehr nützen, meine Kiefer waren die fruchtlose Arbeit müde, und ich ließ sie rasten. Ich ergab mich. Obendrein hatte ein Stück brauner Apfelsinenschale, das ich auf der Straße gefunden und zu benagen begonnen hatte, mir Wür­gen verursacht."

Ach nur zu genau kennen die Gestreiften diesen Zu­stand des allmählichen Verebbens der Kräfte. Aber wäh­rend dem Dulder in Hamsuns Roman doch noch die Mög­lichkeit bleibt, hinzugehen und mit seinem Geschick zu kämpfen, sind wir von einer übermächtigen Faust zwischen die Stacheldrähte gebannt, ohne im geringsten etwas zur Änderung unseres Geschicks beitragen zu können. Wir glei­chen jenem Reisenden, von dem ich einmal gelesen: er hatte seinen Fuß in ein Bahngeleise geklemmt in dem Augen­blick, als ein D- Zug daherbrauste. Unfähig, den Fuß herauszuziehen, mußte er den Zug über sich hinrasen und