Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
135
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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF

135 wieder säubern sollen, wenn nicht die überflüssigsten aller Geschöpfe? Da wurde nicht lange gefragt: Bist du im Fensterputzen geeicht oder hast du im Bodenschrubben Übung?" Und die Gegenrede: Wir sind zu Büroarbeiten angestellt und nicht zum Putzen gedingt", hätte der Capo mit einer Ohrfeige beantwortet, weil hier nicht Verträge abgeschlossen und gehalten oder gebrochen wurden mit nachfolgenden Prozessen, sondern weil es eben Staats­sklaven waren, deren Verwendungsfähigkeit so variabel sein mußte wie die eines Marmelade- Eimers. Und so mochte denn mancher im stillen grollend fragen: wozu denn Ma­schinenschreiben, Stenographie und Buchführung für dies Kommando von ihm verlangt worden sei, wenn er doch Aktenschränke schleppen und Zimmer fegen sollte? Es nützte nichts, wir sind Staatssklaven, deren Hirnen nichts schädlicher ist, als allzuviel nachzudenken.

Abends.

Wir vereinfachen uns zusehends und entfeinern uns im Laufschritt. Vorgestern abend haben wir die ersten Rationen im neuen Stil bekommen, je kürzer sie waren, desto länger wurden unsere Gesichter. Und da soll der Mensch noch arbeiten, mehr arbeiten, schwer arbeiten!

Alte Parolen feiern neue Urständ; jeder Block soll infolge der sich mehrenden Zahl von Schiffbrüchigen aus allen Lagern auf 1800 Mann gebracht werden, da wären mehr als 400 Mann auf einer Stube, die für 60 Mann gedacht war. Und wir meinen, bei einer Belegschaft von 250 Mann bereits ersticken und das Kreuz schlagen zu müssen vor den Zuständen im Aufnahmeblock, wo sie gar 500 Seelen zu­sammenquetschen. Das wahre Ideal vom Standpunkt der Vereinfachung aus: auch Spinde, Tische, Schemel werden hinausgeschmettert, selbst die Bettgestelle müssen verschwin­den. Nun sind wir doch nahe bei der höchsten Stufe an­gelangt, beim Säulenheiligen.