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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
sich gebiert, wenn er sich nicht von Gottes heiligem Geist neugebären und leiten läßt.
11. April 1945.
Im Komplikationshauptamt wird fieberhaft gearbeitet. Die letzten Spuren des Bombenangriffs sollen beseitigt werden, damit das Amt wieder einziehen kann in sein altes Haus, das freilich um ein Stockwerk kürzer geworden ist. So strömt es denn in die fertig gewordenen Räume herein, die Bilder der Vorsehung mit dem Zwicker voraus, bewehrte Männer mit Brillen und Gasmasken; unbewehrte Individuen ohne Gasmasken und Brillen hintendrein. Die letzteren erwecken die hohe Neugier der Gestreiften, denn sie gehören jener Abteilung des Menschengeschlechts an, die im Lager nicht geduldet ist, weil sie lange Haare trägt. Es sind zwar nicht Wesen von sylphenhafter Zartheit, eher tragen sie die groben Züge bayerischer Holzfäller im Stile des Mannweibs oder des Zerberus. Indessen sind die Gefangenen nicht wählerisch. Die Feststellung des Vorhandenseins eines reichen Haarschmucks genügte als Ausweis erstrebenswerter Annäherung, wenn die unschönen Schönen nicht selbst so wählerisch wären. Aber sie haben schon gewählt, und ihre Wahl ist nicht auf einen jener Männer gefallen, die statt der Bügelfalten Runzeln in den Hosen haben, und statt einer hübschen blauen Krawatte einen häßlichen roten, schwarzen, grünen, gelben oder violetten Fleck an der linken Brustseite. Auch riechen sie nicht so angenehm nach Eau de Cologne oder ,, Rosen von Schiras", sondern eher nach Windeln aus armer Leute kindergefüllten Stuben.
Ganz am Schwanz, wie es sich für die nutzlosesten Geschöpfe der Welt gehört, kommen die Gestreiften selber, wiewohl wir die ersten auf dem Plane waren. Denn wer anders hätte das Komplikationshauptamt wieder instand setzen, die Kanzleien wieder wohnlich machen, die Fenster


